Merkmale und Zweck der erlebten Rede

Zuerst nenne ich drei Links, wo man sich über die erlebte Rede, eine Form des personalen Erzählens, informieren kann:

http://www.li-go.de/prosa/prosa/erlebterede.html (Definition, Beispiele)

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_epik/strukt/darb/darb_fig_erl_3.htm (Merkmale teilweise falsch!) Gut wird dort dagegen der Zweck der Verwendung erlebter Rede erklärt: Die erlebte Rede eignet sich besonders gut zur Vermittlung subjektiver, flüchtiger, in sich widersprüchlicher, affektiv geprägter Zustände, Phasen und Reflexe der Psyche (vgl. Vogt 1990, S.166-173). Diese „besondere Eignung der erlebten Rede zur Darstellung des Affektischen und Intimen macht ihren psychologischen Tiefgang aus. Sie will das zaghaft Gesprochene, das blitzartig durchs Bewusstsein Zuckende, das nicht zu Ende Gedachte erfassen. Alles scharf Umrissene, logisch Formulierbare, mit Bedacht Gesprochene ist ihr von Natur aus fremd und könnte besser in der Form der direkten oder indirekten Rede ausgedrückt werden. Dem Autor, der die erlebte Rede verwendet, ist es darum zu tun, ein direktes Schlaglicht auf die geistig‑seelische Situation seiner Figur zu werfen.“ (Hoffmeister 1965, S.22)

https://de.wikipedia.org/wiki/Erlebte_Rede (richtige Definition)

http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html?page=/EUROL/termini/9230.htm (allgemein: Erzählverhalten)

Wenn ich recht sehe, ist die erlebte Rede in ein neutrales Erzählverhalten eingebettet (und manchmal nicht exakt abzugrenzen). Das wichtigste Kennzeichen erlebter Rede ist die Modifizierung (d.h. abtönende Veränderung der einfachen Aussage) einer Äußerung. Als Modalwörter fassen wir unflektierte Wörter, mit denen der Sprecher oder Schreiber nicht nur etwas mitteilt, sondern zusätzlich zu einem Sachverhalt selber Stellung nimmt:

1. zum Geltungsgrad einer Aussage:

a) bestätigend, bekräftigend (bestimmt, tatsächlich, wirklich, zweifellos…)

b) einschränkend (allerdings, eigentlich, freilich)

c) vermutend (anscheinend, offenkundig, wahrscheinlich…)

d) zweifelnd (kaum, möglicherweise, vielleicht, scheinbar…)

e) sich distanzierend (angeblich, vorgeblich)

f) verneinend (keinesfalls, keineswegs)

2. gefühlsmäßig Stellung nehmend:

a) positiv (erfreulicherweise, hoffentlich, gottlob…)

b) negativ-bedauernd (bedauerlicherweise, leider…)

* Außer durch Modalwörter können auch Modalverben und die beiden Formen des Konjunktivs Äußerungen modifizieren.

* Fragen entsprechen oft den Modalwörtern des Zweifelns, der Unsicherheit – es sind dann aber keine rhetorischen Fragen!

* Wichtig sind Zeit- und Raumadverbien, die sich auf einen Ich-Standpunkt beziehen („hier – jetzt“) und somit „ich“ implizieren.

* Die Anteilnahme eines Ich zeigen auch emphatische Ausrufe (Interjektionen: „Ach Gott“; „nun“, wenn es nicht Zeitadverb ist) an, vielleicht auch ironische Untertöne – verallgemeinert gesagt: Alle Anzeichen oder Signale der Stellungnahme eines denkenden und erlebenden Ichs im erzählten Text (also von Subjektivität – die passt nicht zu einem neutralen Erzähler!) machen die erlebte Rede aus.

* Falsch ist es, redeeinleitende Verben und explizite Ankündigung von Gedanken als Merkmale erlebter Rede zu betrachten und die eine Unsicherheit bezeugenden Fragen „rhetorische Fragen“ zu nennen.

Sowohl bei Ralf Sudau (Franz Kafka: Kurze Prosa/Erzählungen. 16 Interpretationen, Klett 2007, S. 172 f.) wie bei teachsam finden sich Fehler in der Erklärung der erlebten Rede.

Vgl. auch https://norberto68.wordpress.com/2011/02/13/personales-erzahlen-zu-stanzel/!

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2 thoughts on “Merkmale und Zweck der erlebten Rede

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