lattenstramm – ein Neologismus?

Aufgrund einer Frage meiner Tochter Eva, woher der Ausdruck „lattenstramm“ komme, den ich noch nie gehört hatte, habe ich mich ans Suchen gemacht: In deutschen Wörterbüchern habe ich das Wort nicht gefunden. Meine eigenen Überlegungen berühren zwei Punkte:

  1. die Wortbildung

Dazu habe ich nach kurzem Suchen (Aspekt: Steigerung oder Verstärkung) das Beste in Walter Jung: Grammatik der deutschen Sprache, 10. Aufl. 1990, gefunden, und zwar unter „Wortbildung des Adjektivs“ (Die Zusammensetzung, Nr. 1021 ff.): „Das Bestimmungswort kann der Verstärkung dienen, ohne daß es in einem begrifflich durchsichtigen Verhältnis zum Grundwort steht: blitzdumm, hundemüde, kreuzbrav, steinreich, blutarm.“ (Nr. 1025) Als eine ähnliche Bildung sehe ich „lattenstramm“ an.

  1. die Bedeutung

Das Grundwort „stramm“ hat nichts mit Trunkenheit zu tun; laut DWDS hat es fünf Bedeutungsvarianten: etwas, besonders den Körper, fest umschließen; nicht schlaff, nicht locker, straff; kräftig gebaut; energisch, forsch; gehörig, tüchtig. (http://www.dwds.de/?qu=stramm) Von hier, d.h. von der fünften Bedeutung aus kommt man vielleicht weiter, wenn man bedenkt, dass es im Deutschen (mindestens) rund hundert Bezeichnungen für Formen der Trunkenheit gibt (http://www.taz.de/!5038485/), dass den Deutschen also anscheinend die Trunkenheit besonders vertraut ist und dass sie besonders gern an Trunkenheit denken: „stramm = gehörig, tüchtig“ hat dann eben schnell den Unterton „gehörig betrunken“. Diese Bedeutung wird durch das (sinnfreie) Bestimmungs- und Verstärkungswort „latten-“ gesteigert: völlig betrunken, total besoffen.

  1. Vielleicht wird meine Überlegung dadurch untermauert, dass „lattenstramm“ einer bestimmten Sprachschicht angehört und anscheinend vor allem von jungen Leuten, auch Studenten („Ajax Lattenstramm“ als lustige Verballhornung von „Ajax Amsterdam“: Vereinsname studentischer Fußballclubs in Göttingen und Passau) und in der BILD (z.B. http://www.bild.de/leute/2007/internetklatsch-gibson-anonyme-alkoholiker-treffen-betrunken-1957316.bild.html) gebraucht wird. Seit wann das Wort gebraucht wird, weiß ich nicht.
  2. Wenn jemand eine bessere Erklärung weiß, bitte ich darum, diese in einem Kommentar darzustellen.

P.S. Zur deutschen Tradition des Saufens seit der Zeit der Germanen:

„Zum Getränk dient eine Flüssigkeit aus Gerste oder Weizen, zu einer gewissen Weinähnlichkeit vergoren: die dem Ufer Nächsten erhandeln auch Wein. Die Speisen sind einfach, wildes Obst, frisches Wildbret oder geronnene Milch: ohne besondere Zubereitung, ohne Gaumenkitzel vertreiben sie den Hunger. Gegen Durst herrscht nicht dieselbe Mäßigung. Wenn man ihrer Trunkenheit freien Lauf lässt, indem man ihnen gewährt, wie viel sie begehren, werden sie nicht weniger leicht durch ihre Laster als durch Waffen besiegt werden.“ (Tacitus: Germania, Kap. 23 http://www.latein-imperium.de/include.php?path=content&contentid=104)

Ich verweise noch auf Heinrich Manns Satire „Der Untertan“, in der von Diederich Heßling erzählt wird, wie er bei den Neuteutonen zum „Mann“ wurde: „Er sah sich in einen großen Kreis von Menschen versetzt, deren keiner ihm etwas tat oder etwas anderes von ihm verlangte, als daß er trinke. Voll Dankbarkeit und Wohlwollen erhob er gegen jeden, der ihn dazu anregte, sein Glas. Das Trinken und Nichttrinken, das Sitzen, Stehen, Sprechen oder Singen hing meistens nicht von ihm selbst ab. Alles ward laut kommandiert, und wenn man es richtig befolgte, lebte man mit sich und der Welt im Frieden. […] Das Bier! Der Alkohol! Da saß man und konnte immer noch mehr davon haben, das Bier war nicht wie kokette Weiber, sondern treu und gemütlich. Beim Bier brauchte man nicht zu handeln, nichts zu wollen und zu erreichen, wie bei den Weibern. Alles kam von selbst. Man schluckte: und da hatte man es schon zu etwas gebracht, fühlte sich auf die Höhen des Lebens befördert und war ein freier Mann, innerlich frei.“ (Ausgabe Fischer Taschenbuch 13640, 1996, S. 31 und 34)

Etwas seriöser wird das Verhältnis der Deutschen zum Bier in Neil MacGregors „Deutschland. Erinnerungen einer Nation“ (2015, 10. Kapitel) dargestellt. Vgl. auch noch

https://de.wikipedia.org/wiki/Bier_in_Deutschland

http://www.brauer-bund.de/bier-ist-deutschland/tag-des-deutschen-bieres.html („Bier ist Deutschland“)

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