Adjektive: Grundstufe und Komparativ

Grammatik

Das ist bekannt: eine ältere Frau ist jünger als eine alte Frau. Wie groß muß doch die Angst vor dem Alter sein, daß sie sogar die Grammatik vergewaltigt.

(Silvia Bovenschen: Älter werden. Notizen, Frankfurt 2006, S. 145)

Diese Äußerung Silvia Bovenschens ist ziemlich dumm: „älter“ ist zweifellos Komparativ, „alt“ die Grundstufe. Aber „alt“ oder „alt sein“ ist ein absolutes Urteil (bezogen auf einen normalen Lebenslauf), wogegen „älter“ oder „älter sein“ sich auf eine Altersstufe bezieht, die man vielleicht als Höhe des Lebens oder „die besten Jahre“ ansieht; „älter“ ist dann jemand, der älter ist als diejenigen, die auf der Höhe des Lebens sind.

Es gibt also einen mindestens zweifachen Gebrauch des Komparativs und der Grundstufe, einmal dass der Komparativ in einem Vergleich zweier konkreter Dinge/Menschen gebraucht wird, einmal dass er so gebraucht wird, wie ich es oben analysiert habe, also sich auf einen gedachten Fixpunkt bezieht.

Deshalb ist die Folgerung Bovenschens, dass hier ein Vergewaltigung der Grammatik vorliege, unsinnig, und es ist ebenso falsch, darin einen Ausdruck der Furcht vor dem Alter zu sehen. Es gibt den gleichen Gebrauch des Komparativs bei den Wendungen „Es geht mir gut“ / „Es geht mir besser“ – das ist besser als vor kurzem (oder: besser als schlecht), aber noch nicht gut. Aus dieser Verwendung von „besser“ leitet man ja auch nichts ab; darüber kann nur staunen, wer ein schlichtes Verständnis von Grammatik besitzt.

P.S. In der Duden-Grammatik (8. Aufl.) kann man das unter 3.6.3 Zum Gebrauch der Komparationsformen nachlesen. Dort steht u.a.: „Wenn die Vergleichsgröße fehlt, bezieht sich der Komparativ oft nicht auf den Positiv des entsprechenden Adjektivs, sondern auf dessen Gegenbegriff; dabei spielen auch Vorstellungen von Durchschnitt und Normalwerten eine Rolle. Man spricht hier auch von absoluten Komparativen.“ (S. 373) Sehr ausführlich beschäftigt sich Ulrich Engel: Deutsche Grammatik – Neubearbeitung, München 2009 (2. Aufl.) mit der Bedeutung der Komparationsformen (S. 342 ff.); aber bereits in „Deutsche Grammatik“ (1988) hat er das alles unter „Absolute Komparation“ (S. 568 ff.) abgehandelt – Silvia Bovenschen hätte das also wissen können, statt es tiefsinnig falsch zu deuten. Vgl. auch (ein bisschen problematisch, da primär auf die Höflichkeit verweisend) http://www.deutschegrammatik20.de/adjektiv/komparativ-superlativ/komparativs-abschwaechung-altersangaben/; ferner http://www.esvcampus.de/ce/warum-eine-alte-dame-aelter-ist-als-eine-aeltere-dame-zum-absoluten-komparativ-im-deutschen/detail.html; http://hypermedia.ids-mannheim.de/call/public/termwb.ansicht?v_id=174 (Ende des Artikels); das kann man übrigens bereits bei A. Noreen: Die wissenschaftliche Betrachtung der Sprache, 1923, S. 403 f., nachlesen. Selbst in der Wikipedia steht’s inzwischen: „Neben dem Gebrauch in Vergleichen kann die Komparativform des Adjektivs auch in nicht vergleichenden Sätzen verwendet werden. Diese Art der Verwendung wird absoluter Komparativ genannt – im Gegensatz zum relativen Komparativ. […] In dieser nicht vergleichenden Verwendung wird das Adjektiv gegenüber dem Positiv abgeschwächt, nicht verstärkt. Eine ältere Dame ist nicht so alt wie eine alte Dame.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Komparation) – Die Erklärung des absoluten Komparativs mittels der Ellipsentheorie (http://wschulze.userweb.mwn.de/swg/ellipsentheorie.htm) halte ich für bedenkenswert; sie wird auch von Dietrich Homberger (Sachwörterbuch zur deutschen Sprache und Grammatik, 1989, S. 7) vertreten, er hält den Gebrauch des absoluten Komparativs für typisch in der Werbung: Fahr lieber mit der Eisenbahn!

Der Komparativ ist also eine sprachliche Form, die auch zum Vergleichen gebraucht wird, doch vergleichen kann man auch mit anderen sprachlichen Mitteln.

Advertisements