manipulieren – indoktrinieren

Im von mir sonst geschätzten Wörterbuch DWDS fand ich Liebesgrüße aus der DDR:

manipulieren
1. (abwertend) die öffentliche Meinung unter der Herrschaft der imperial. Bourgeoisie so lenken, daß das Bewußtsein der Menschen mit der herrschenden Ideologie gleichgeschaltet wird: die Meinungsbildung, Leitbilder m.; d. Bewußtsein, Sprache m.; die Mode, Politik m.; jmdn. m.: die Bevölkerung, werktätigen Massen m.
2. etw. durch Machenschaften zu seinen Gunsten lenken: eine Rechnung m.;
3. an, mit etw. m. an, mit etw. hantieren

Beim zweiten Nachsehen entdecke ich, dass der Artikel noch aus dem WDG der DDR stammt: Das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (WDG) wurde in Berlin an der Deutschen Akademie der Wissenschaften (ab Oktober 1972: Akademie der Wissenschaften der DDR) zwischen 1952 und 1977 erarbeitet. Das WDG umfasst über 4.500 Seiten und enthält 60.000 bzw. unter Hinzunahme der Komposita 90.000 Stichwörter.

Bezeichnenderweise fehlt im DWDS ein Artikel indoktrinieren! (Man wollte sich in der DDR wohl nicht selbst entlarven!)

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P. S. In den gängigen Wörterbüchern (Duden, Wahrig, Bünten) steht auch indoktrinieren; das Wort fehlt allerdings häufiger in ausgesprochen etymologischen Wörterbüchern.

Interessant ist auch der Eintrag unter Zensur im DWDS:
2. /ohne Pl./ von herrschenden reaktionären Klassen zur Aufrechterhaltung ihrer Macht angewandte amtliche Kontrolle,Überprüfung von Druck-, Bühnenwerken vor ihrer Veröffentlichung, Aufführung und von Briefen: d. Einführung, Verhängung, Abschaffung, Aufhebung der Z.; eine Z. ausüben, streng, tolerant handhaben; die Briefe der Gefangenen unterlagen einer scharfen, strengen Z.

In dem Zusammenhang darf ich daran erinnern, dass in der DDR Christa Wolfs Essay „Lesen und Schreiben“ mehrere Jahre nicht veröffentlicht werden durfte [klarer Fall: da gab es eine herrschende reaktionäre Klasse, die in Wandlitz wohnte!]; dass ihre Poetik-Vorlesungen in der DDR nur zensiert, also mit diversen … erschienen sind; dass Biermann 1976 „ausgebürgert“ wurde; dass Erich Loest einen eindrucksvollen Bericht „Der vierte Zensor“ geschrieben hat… Ja, ja, Zensur und Indoktrination, das gehört schon zusammen, auch wenn man das böse Wort verschweigt.
Auch das „Etymologische[s] Wörterbuch des Deutschen“, 1989 von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Wolfgang Pfeifer im Akademie-Verlag (und später bei dtv) veröffentlicht, kennt Manipulation als etwas, was „in kapitalistischen Staaten“ vorkommt: vornehmlich eine durch Missbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse die Wahrheit verschleiernde Steuerung des Bewußtseins großer Teile des Volkes im Sinne der herrschenden Ideologie, bes. ‚Lenkung der öffentlichen Meinung durch Massenmedien‘.

Man hört hier wie beim DWDS die realsozialistische Sprachregelung, aber nicht den realen Sprachgebrauch im Deutschen.

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P. P. S. Jetzt dämmert mir noch was: Die Deutsche Akademie der Wissenschaften hat das alte Wörterbuch herausgegeben; es wird heute von BBAW (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) betreut, und da hat mir ein Mitarbeiter wegen meiner kritischen Bemerkung dazu, dass in der guten alten DDR der Artikel „indoktrinieren“ fehlte, doch glatt mit der Einschaltung der Rechtsabteilung der BBAW gedroht…

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