Poesie in der Volksmusik

Ein scharfes Schwert, das hat es früher gegeben, zu Zeiten der Ritter. Von Leuten, die heute noch Samurai spielen, abgesehen ist „scharfes Schwert“ Metapher geworden:
(1) Die Behörde brauche „ein scharfes Schwert, um für mehr Wettbewerb bei der Stromerzeugung zu sorgen“, sagte Rhiel.
(2) Logik ist ein scharfes Schwert.
(3) Er machte meinen Mund zu einem scharfen Schwert,
er verbarg mich im Schatten seiner Hand.
er machte mich zum spitzen Pfeil
und steckte mich in seinen Köcher.

(Jes 49,2 der Gottesknecht, über sich)

Das sollte man wissen, wenn man im Rahmen der „Volksmusik“ Roger Whittacker hört:
Abschied ist ein scharfes Schwert,
das oft so tief ins Herz dir fährt.
Du bist getroffen und kannst dich nicht wehren,
Worte sind sinnlos du willst sie nicht hören,
weißt, einmal geht auch die schönste Zeit vorbei.
Oh, Stunden der Liebe du hast sie besessen.
Stunden so zärtlich du musst sie vergessen
denn das Leben geht ja weiter
und jemand, der dich liebt, wartet schon auf dich.“

Das ist die erste Strophe eines Liedes, welches von den treuen Fans des Sängers als dessen größter Hit gewählt wurde. Ohne die zugehörige Musik zu würdigen, wende ich mich dem Text zu, der einem Stück Poesie gleicht: Es reimt sich fast alles mehr oder weniger rein (Schwert / fährt; wehren / hören usw.); der Vers weist vier Hebungen ohne regelmäßige Füllung auf: Volksliedstrophe.
Dass der Abschied „ein scharfes Schwert“ ist, diese Metapher muss den Leuten wohl eingehen; diese Metapher ist ein weiches Ding, das tief ins Gemüt euch ging. Von der Musik abgesehen – wieso?

Zunächst wird „der Abschied“ zu einer eigenständigen Größe gemacht; es sind damit nicht mehr zwei Leute gemeint, die handeln, sondern Abschied ist ein Vorgang, den (nur) „du“ erlebst, erleidest, der dir ins Herz dir fährt. Du fällst als handelndes Subjekt aus, weshalb Worte sinnlos sind; der Partner ist unwichtig, deshalb brauchst du nichts zu sagen.
Die Metaphysik ist schlicht: „das Leben geht ja weiter“, und jemand, der dich liebt, wartet schon auf dich – also ist der Abschied letztlich nicht schlimm. Der große Kontrast vom scharfen verletzenden Schwert und dem Trost in der neuen Liebe ist nur Rhetorik: Kontrastverschärfung, eingebettet in die tröstenden Worte „das Leben geht ja weiter“. Deshalb fällt es auch nicht schwer, erlebte Stunden der Liebe zu vergessen; und wenn es schwer fällt, dann „muss“ man es eben – Gottfried Benn grüßt aus der Ferne, das Schicksal winkt: „Du musst.“
Das ist also Volkspoesie 2000; entsprechend hochklassig ist die poetische Formulierung:
„Oh, Stunden der Liebe, du hast sie besessen.
Stunden so zärtlich, du musst sie vergessen“.
Um des Reimes willen muss man die Stunden, die man vergessen soll, „besessen“ haben: Stunden der Liebe besitzen, ein Grausamkeit gegen Gefühl und Sprache, eben Volkspoesie. Hätte man die Stunden der Liebe genossen, müsste man verdrossen sein; aber da ja leicht die neue Liebe lacht, so bis morgens um halb acht, muss man die alte vergessen, weshalb man ihre Stunden um des Reimes willen besessen hat. Man könnte sie noch essen, ermessen, vermessen; man könnte sie auch „in Hamburg und Stessen“ erlebt haben – aber wer kennt schon Stessen [Ortsteil von Jüchen, eine bessere Honschaft]?

Noch ein Stück Volkspoesie aus dem Netz:

Die Liebe

Die Liebe ist ein scharfes Schwert,
oftmals die Messer sich dann wetzen.
Mit Gefühlen kann man leicht
einen Menschen dann verletzen,

Die Liebe ist ein Glücksgefühl,
wie wild lodern doch die Flammen,
egal ob in guten oder schlechten Tagen,
wahre Liebe hält Menschen doch zusammen.

Die Liebe ist eine stolze Burg
sie will im Sturm erobert werden,
und ist ein Ritter charmant genug
wird die Liebe sich nicht lange wehren,

Die Liebe ist ein schöner Traum
überall Frohsinn und Lieder,
sei nicht traurig wenn sie vorbei ist,
die Liebe kommt immer wieder!!!“

(Autor unbekannt)

Das „dann“ im 2. Vers ist völlig sinnlos, weil keine Situation vorgegeben ist!
Ob Liebe nun die Menschen zusammenhält oder vorbeigeht,
ob gewetzte Messer verletzen oder überall Frohsinn herrscht,
das macht nichts, wenn sich alles tüchtig optimistisch lebensbejahend reimt:
„Reim dich, oder ich fress dich!“

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