Nichts und Nichtschen – Semantik von Neologismen

Im rumänischen Märchen „Das Beutelchen mit den zwei Dreiern“ (Willi Fehse: Heitere Märchen aus aller Welt, 1968, S. 45 ff.) kommtentiert der Erzähler, wie es der bösen Alten zum Schluss erging: „Von jetzt an konnte sie gebratetene Nichtschen und goldene Warteinweilchen statt der Eier essen.“ (S. 52)

Zuerst habe ich das erste Nomen als Nicht-schen gelesen und gedacht: „Na, da ist aber ein Rechtschreibfehler.“ Nach dem leichter zu verstehenden Neologismus „Warteinweilchen“ sowie dem Verb „essen“ (statt der Eier, zudem im Kontext der Bestrafung einer bösen Frau) wurde mir klar, dass sie Nichts-chen zu essen bekam, also kleine Brocken vom Nichts. Das reine Wort „Nichtschen“ ist unverständlich; der Kontext lässt es nicht nur verstehen, sondern regt auch zu seiner Bildung an – wer käme schon auf die Idee, das Wort „nichts“ mit dem Dimintuiv-Suffix –chen zu versehen, wenn er nicht gerade Philosoph ist und zuschaut, wie das Nichts nichtet? Aber wenn es das Nichts und die kleinen Nichtschen gibt, warum sollte das Nichts dann nicht auch nichten?
„Warteinweilchen“ ist als Analogie zum St. Nimmerleinstag (Sankt Nimmerleinstag) leichter zu verstehen – hier wird aus dem Adverb „niemals“ oder „nimmermehr“ die Heilige Nimmerlein herausgesponnen; auffällig ist, dass der vertröstende Satz (Zeitbestimmung) „Wart ein Weilchen“ hier dinglich als Lebensmittel, also als Essgegenstand gebraucht wird. Der St. Nimmerleinstag ist schon ziemlich alt, da er noch mit „Sankt“ gebildet wird, also aus der Zeit stammt, wo die Tage nach dem jeweiligen Heiligenfest benannt wurden; davon sind bei uns nur der Martins- und der Nikolaustag übrig geblieben.

Im Süddeutschen gibt es auch auch eine St. Kümmernis, vgl. http://www.sagen.at/doku/hda/kuemmernis.html – aber damit wollen wir uns jetzt nicht auch noch befassen.

Was nun das Nichts und seine Derivate betrifft, hält man sich am besten an Goethes Faust:
Da seht ihr, dass Ihr tiefsinnig fasst,
Was in des Menschen Hirn nicht passt;
Für was drein geht und nicht drein geht,
Ein prächtig Wort zu Diensten steht.
(V. 1950 ff.)
Der ganze Kontext des Zitats ist lehrreich.

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