Sich seine Lehrer suchen

Dass man sich seine Lehrer selber suchen muss, habe ich erst spät verstanden; dieser Tage habe ich aber wieder einmal erfahren, wie richtig die Forderung ist: „Suche dir deine Lehrer selber!“

Der Sinn dieser Forderung ist mir aus der Lektüre Nietzsches aufgegangen (Morgenröte, 1881): „In der Jugend nimmt man seine Lehrer und Wegweiser aus der Gegenwart und aus den Kreisen, auf welche wir gerade stoßen: wir haben die gedankenlose Zuversicht, daß die Gegenwart Lehrer haben müsse, die für uns mehr als für jeden anderen taugen, und daß wir sie finden müssen, ohne viel zu suchen. Für diese Kinderei muß man später hartes Lösegeld zahlen: man muß seine Lehrer an sich abbüßen. Dann geht man wohl nach den rechten Wegweisern suchen in der ganzen Welt herum, die Vorwelt eingerechnet, – aber es ist vielleicht zu spät. Und schlimmstenfalls entdecken wir, daß sie lebten, als wir jung waren, – und daß wir uns damals vergriffen.“ (Nr. 495)
Dieses Abbüßen habe ich am eigenen Leib erlebt: Beginn des Zweitstudiums mit 30, auf den Tag genau – zur Korrektur einer verfehlten Berufsentscheidung, die unter dem Einfluss von Mutter / Pastor / „Gott“ / Religionslehrer zustande gekommen war. Ich danke X dafür, mich zu diesem Korrekturschritt ermutigt zu haben.

Dieser Tage ist mir erneut aufgegangen, wie wichtig es ist, sich nach den richtigen Lehrern umzuschauen. Ich habe W. Schmidt: Grundfragen der deutschen Grammatik, 4. Aufl. 1973, mit Begeisterung gelesen, habe manches daraus gelernt, habe mir dann H. Brinkmann: Die deutsche Sprache, 2. Aufl. 1971, gekauft (ein Klassiker, auf den Schmidt sich bezieht, wenn auch nur auf die 1. Auflage 1962) – und ich frage mich: Warum habe ich das alles in meinem Zweitstudium ab 1972 nicht gefunden? Dabei habe ich in Aachen am Lehrstuhl Glinz „Linguistik“ studiert!
Zum Teil weiß ich, warum ich diese großen Bücher-Lehrer damals nicht gefunden habe: 1. Das Zweitstudium lief nebenher, vormittags musste ich als Lehrer arbeiten; 2. die Tutoren in Aachen waren Studenten: Bremerich und Albert Esser, und die beiden konnten mir das offensichtlich nicht nahebringen – konnten mir nicht zeigen, dass es da spannende Fragen zu klären gibt. Na, und ich wollte halt auch nur meine Verpflichtungen erfüllen und schnell durchkommen, war meistens noch eifriger als viele meiner Kommilitonen, die zum Studieren nicht von Mönchengladbach nach Aachen fahren mussten und sich freuten, wenn eine Veranstaltung ausfiel.

Gelegentlich finde ich heute in den Kommentaren zu meinen Beiträgen bei kulando.de oder bei wordpress.com Schüler, die einen Lehrer suchen – aber sie sind selten; viele wollen nur einen guten Text lesen, viele wollen bloß abschreiben. Deshalb möchte ich Carolin lobend hervorheben, die wirklich einen Lehrer sucht – den Nachnamen verrate ich nicht, aber ich finde das toll, Caro, wie du zu lernen versuchst!

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