Damoklesschwert

Damokles, ein Höfling, war am Hofe des Tyrannen Dionysius eingeladen. Dort bestaunte er das wunderbare Fest, genoss das köstliche Abendessen und beneidete die Adeligen um ihre Macht.
„Wie gut du es hast“, wandte sich Damokles an seinen Gastgeber. „Und wie ich dich um dieses reiche Leben beneide.“
„Wenn du magst, kannst du dieses Leben gerne einen Tag lang ausprobieren“, schlug Dionysius vor. „Dann kannst du viel besser beurteilen, wie ich lebe.“
Damokles war begeistert von dieser Idee. So führte man ihn an den Hof des Palastes. Er wurde in Parfum gebadet, anschließend durfte er sich auf einem goldenen Stuhl niederlassen, der mit Edelsteinen eingefasst war. Dann servierte man ihm die köstlichsten Speisen.
Doch plötzlich wurde Damokles unruhig. Er starrte zur Decke und sah, dass direkt über ihm ein scharfes Schwert hing. Es war an einem dünnen Pferdehaar an der Decke aufgehängt und drohte, jeden Moment auf ihn hernieder zu stürzen.
Von diesem Augenblick an hatte Damokles keinen Appetit mehr. Er war unruhig, fürchtete um sein Leben und konnte keine Sekunde an diesem Platz mehr genießen.
„Wie hat dir deine Rolle in meiner Haut gefallen?“, wollte der Tyrann am nächsten Tag wissen. „Hast du gesehen, welches Schicksal mich umgibt?“ „Ja“, flüsterte der Höfling. Dann beeilte er sich fortzukommen.
Denn wer in ständiger Angst lebt, kann sich über das das kleinste Vergnügen nicht freuen.
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Die Geschichte trägt Züge einer Fabel, wie nicht nur die (schlecht passende) „Moral“ am Schluss zeigt.
Sie ist eine der Geschichten zur Beruhigung des Volkes: Damokles repräsentiert alle kleinen Leute, welche die Adeligen um ihre Macht, ihren Reichtum, ihre Vorrechte beneiden. Ihm wird in einer Lektion am eigenen Leib vorgeführt, wie des Dionysius Reichtum und Position gefährdet ist: Dem Tyrannen droht täglich ein Attentat, ein Aufstand, der Verlust von Reichtum und Leben. Er sieht ein, dass in der Haut des Dionysius zu leben eine Qual ist und dass er mit seinem eigenen Leben zufrieden sein kann; denn Damokles‘ Leben ist in seiner Art besser als das des Dionysius.

Was lernen wir aus dieser Geschichte? Wie leicht man den Armen klarmachen kann, dass Armsein für die Armen genau das Richtige ist, wie ja auch der spanische König in Peter Bichsels Geschichte „Amerika gibt es nicht“ meinte.
Erster Vorschlag, um dem reichen Dionysius zu helfen: Er verzichtet auf seine hervorgehobene Stellung und wird Einsiedler oder etwas Ähnliches: Methode des Buddha.
Zweiter Vorschlag: Er nimmt von seinem Reichtum nur so viel mit, wie er unbedingt für die beiden nächsten Jahre zum Leben braucht, erlernt ein Handwerk und lebt dann von seiner Hände Arbeit; die Diktatur wandelt er durch kluge Maßnahmen in eine Demokratie um: Kombination der Methode des Schwaben in Hebels Erzählung „Kannitverstan“ und der Beendigung der Diktatur in Spanien, Südafrika usw. – mit vielen Problemen verbunden!
Dritter Vorschlag: Er fährt nach Mexiko. Nairobi oder Kalkutta und lebt dort einen Tag in den Slums; er verdient seinen Unterhalt, indem er auf den Müllkippen nach brauchbaren Resten in den Abfällen der Reichen sucht. Dann fragt man man den Dionysius, wie ihm das Leben als Armer gefällt: Methode der Simone Weil (+ 1943, Selbstmord), des Charles de Foucauld (+ 1958, ermordet)

Was lernen wir aus meinen drei Vorschlägen? Womit man zufrieden sein kann, ist eine Frage der Perspektive. Ich möchte niemanden zur Unzufriedenheit reizen; aber man sollte sich auch nicht mit erbaulichen Geschichten zur Zufriedenheit verführen lassen, wenn einem die Lebensmittel fehlen.

Was habe ich gelernt? Dass vom „Damoklesschwert“ heute nicht in dieser engen Bedeutung gesprochen wird.
* „Doch Vorsicht: Das Schwert des Damokles schwebt über deinem Kopf – das heißt, dass die Glückssträhne bald zu Ende sein kann. (…) Man kann sich also nie sicher sein, dass alles gut weiterläuft – und spricht deshalb auch heute noch vom Damoklesschwert, dass über den Köpfen der Menschen schwebt.“ (geolino)
* Die Redensart geht auf eine Erzählung Ciceros zurück: Einst rühmte Damokles, ein Höfling des Tyrannen von Syrakus (Dionys der Ältere 405-367), seinen König als den glücklichsten aller Sterblichen. Dieser wollte ihm eine Lehre über das wirklich gefahrvolle Leben eines Mächtigen erteilen und bot ihm das vermeintliche Glück an. (…) Daher wurde das „Damoklesschwert“ sprichwörtlich für die im Glück stets drohende Gefahr! (blueprints)

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