Zentralabitur Deutsch NRW 2015, Lk – 2. Thema

Leistungskurs Deutsch, 2. Thema:

  1. Einen Auszug aus J. Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes, aus Kap. VII (73 Zeilen) analysieren, unter besonderer Berücksichtigung der Erfahrungen des Protagonisten auf dem Amt.
  2. a) Einen Auszug aus Kafka: Der Proceß, aus dem dritten Kapitel (46 Zeilen) analysieren im Hinblick auf die Gestaltung der inneren Verfassung Josef K.’s. b) Die Darstellung der Atmosphäre im Amt bzw. im Gericht in den beiden Romanen vergleichen. c) Auf die Bedeutung eingehen, die beide Episoden für die jeweiligen Protagonisten innerhalb der Romanhandlung haben.

Kommentar:

Die 1. Aufgabe läuft auf eine inhaltliche Wiedergabe der bedrückenden Erfahrungen Mendels (Willkür der Beamten, schikaniert werden, hilflos und unwissend sein) hinaus; eine anspruchslose Aufgabe.

Die Aufgabe 2 a) ähnelt der 1. Aufgabe, nur dass hier die innere Unsicherheit oder Ambivalenz K.’s erfasst wird (Möglichkeit, verständigte sich, lästig, Unbehagen, will nicht, werde verfehlen, wiederholt schärfer usw.).

Die Aufgabe 2 b) bringt das Kunststück fertig, die unvereinbaren Aspekte der äußeren Erfahrung und der inneren Verfassung im Begriff der „Atmosphäre“ zusammenzubinden, damit man sie „vergleichen“ kann. Es müsste auf eine bedrückende Atmosphäre hinauslaufen.

In der Aufgabe 2 c) sehe ich zwei Möglichkeiten: Einmal kann man sein ganzes angelerntes Wissen hervorkramen und dann der jeweiligen Episode ihren (unwesentlichen) Stellenwert in der Geschichte der Rettung bzw. des Niedergangs zuweisen [das wird vermutlich erwartet!]. Man könnte aber zuerst auch in die erzählte Fortsetzung der jeweiligen Episode hineinschauen, am Text arbeiten und versuchen, nicht zu schwafeln: Das ergäbe für Mendel, dass die folgende Begegnung mit dem Juden und mit Kapturak für ihn „ein Glück“ nach der deprimierenden Behandlung auf dem Amt bedeuten und dass sein Herz während der Heimfahrt „galoppierte“, wobei er durch den Unfall dann ein Dämpfer erhält… Für Josef K. ergibt sich, dass er durch die „Aufklärung“ über die Ursachen der schlechten Luft, durch die Begegnung mit dem Auskunftgeber und das Erreichen des Ausgangs vorübergehend erleichtert wird.

Die Lösungserwartungen kenne ich nicht; die Aufgabe ist insgesamt anspruchslos, weil sie weithin auf bloß inhaltlicher Textanalyse (Aufgabe 1 und 2 a) bzw. auf Wiederholung/Reorganisation des im Unterricht Gelernten (Aufgabe 2 c) hinausläuft und der Vergleich (Aufgabe 2 b) keine intellektuelle Herausforderung darstellt. Die Aufgabe ist nicht geeignet, mit ihrer Bearbeitung Studierfähigkeit nachzuweisen.

P.S. Zur Lösungserwartung:

Man muss Schülern klarmachen, wofür Punkte vergeben werden:

  • formuliert eine aufgabenbezogene Einleitung,
  • ordnet den Textauszug in den Romanzusammenhang ein,
  • stellt den Inhalt des Textausschnitts knapp dar,
  • erschließt die Darstellung des Gebäudes und der Situation im Amt,
  • untersucht die Darstellung der Beziehung zwischen Mendel und den Repräsentanten der Verwaltung,
  • erläutert die sprachlichen Besonderheiten des Textausschnitts,
  • erläutert die erzählerischen Besonderheiten des Textausschnitts,
  • deutet zusammenfassend die Untersuchungsbefunden.

(Das sollten Schüler aus den Klausuren in den beiden letzten Jahren kennen.)

Problematisch (zu Roth)

  • ist die Bedeutung, die den Lichtverhältnissen im Gebäude zuerkannt wird; das Dunkel des Korridors ist der erste Beleg für die paradoxe Aussage „Der Tag war hier kein Tag.“ (Z. 5), der zweite Beleg ist die (nicht beachtete) Paraxodie, dass die Uhren neben der Zeit einhergingen (Z. 7). – Diese Paradoxien werden nicht gewürdigt.
  • Die sogenannte Fliegenszene (Z. 43 ff.) belegt weniger, dass der Beamt sadistisch ist, als vielmehr sein Desinteresse gegenüber den Bittstellern – er fängt lieber Fliegen.
  • Bei den sprachlichen Besonderheiten vermisse ich die Gewitter-Metapher (Z. 33 ff.); körperliche Unterwerfungsstrategien gehören nicht zu sprachlichen Besonderheiten.
  • Zeitdehnendes Erzählen kann ich nicht finden – es fehlen bezeichnenderweise die Belege für diese Behauptung bzw. Erwartung.

Zum Kafka-Text ist die Lösungserwartung für die erzählerische und sprachliche Gestaltung teilweise problematisch:

  • Was ist ein hypothetischer Stil? Google nennt dafür „ungefähr drei Ergebnisse“ – dden Stil gibt es also praktisch nicht. Die Verwendung solcher selbst erfundener Begriffe ist ärgerlich und nicht hinnehmbar.
  • Stehen die Vermutungen im Irrealis? (Es fehlen wieder die Belegstellen, womit die Kommission sich der Kritik entzieht!) Kann man also z.B. Z. 6 f. („Anschein…“) als Irrealis bezeichnen oder nur als indirekte Rede? Irreal ist der Vergleich Z. 17 f. (trotz Konjunktiv I) – aber das ist kein hypothetischer Stil und bedeutet keine Uneindeutigkeit. Z. 27 ist indirekte Rede, Z. 27-29 ist wieder irreal, aber kein hypothetischer Stil. Z. 39 f. ist ein normaler irrealer Vergleich. – Fazit: Das Gerede vom hypothetischen Stil ist Unsinn und ein Versuch, das (bereits genannte) personale Erzählen noch einmal „auszuwerten“.
  • Was eine poetisierte Sprache sein soll, weiß Gott allein; richtig ist, dass hier Umgangssprache geschrieben und gesprochen wird.
  • „emotionalisierte Passagen“ – das fällt nicht unter sprachliche Gestaltung, sondern unter das Erleben und die innere Verfassung K.s! An diesem Punkt sieht man (wieder einmal), wie für ein und dieselbe Beobachtung in verschiedenen Hinsichten Punkte vergeben werden müssen, damit die volle Punktzahl erreicht wird.
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