Altersangaben bei Lektüre-Empfehlungen

Seit einigen Monaten gehe ich als Lesepate in eine Kita in Mönchengladbach. Dabei stoße ich auf das Problem, Geschichten zu finden, bei denen die Kinder gern und interessiert zuhören. Mein Schwester Kunigunde Lucks hat mir zwar aus ihrem großen Repertoire einige Bücher ausgeliehen (sie hat im Kindergarten und in der Vorschule gearbeitet), aber irgendwann will ich ihr ja auch diese Bücher zurückgeben.

Also habe ich im Internet nachgeschaut, welche Geschichten für 4- bis 6jährige Kinder empfohlen werden. Dabei habe ich die gleiche Erfahrung wie früher im Gymnasium mit den Lesebüchern und Lektüreempfehlungen gemacht: Viele Vorschläge gehen über die Köpfe der Kinder hinweg!

Als besonders „gelungenes“ Beispiel nenne ich „Merkels Erzählkabinett“, etwa die Abteilung für Kinder von 2-4 Jahren (http://www.stories.uni-bremen.de/zwei/zwei.html). Da gibt es zum Beispiel die Geschichte „Der blutende Finger“ – darin kommen u.a. ein Automechaniker, eine Buchhandlung, ein Haushaltswarengeschäft und ein Finanzbeamter vor – welches 3jährige Kind kennt das alles?

Es bleibt zu fragen, wie solche (Vor)Leseempfehlungen zustande kommen – vermutlich beruhen sie auf Schätzungen. Und man verschätzt sich halt leicht. Bei Lesebüchern habe ich verfolgt, wie sie zustande kamen: Die Texte wurden oft aus anderen Lesebüchern übernommen und einfach eine Klassenstufe tiefer eingesetzt.

So ergibt sich als Konsequenz: Man sollte nur das für eine Altersstufe empfehlen, was sich nach eigener Erfahrung darin bewährt hat (wobei man auch noch das soziale Umfeld berücksichtigen muss: Bei Kindern aus sozial schwierigen Verhältnissen muss man vorsichtiger dosieren als bei anderen Kindern!). Aus der Erfahrung mit meinen eigenen Kindern weiß ich, dass die Geschichte vom dicken, fetten Pfannekuchen gut ankam – und sie kommt auch heute gut an! Und dass Fabeln im Gymnasium in die 7. Klasse gehören, ist ein Märchen, das trotz Wiederholung nicht wahr wird: Ich habe mit Fabeln wunderbar in Klasse 11 gearbeitet (analytisch und auch produktiv: eine angefangene Fabel zu Ende schreiben), sie zu verstehen unterforderte die Schüler überhaupt nicht.

Aus meiner Erfahrung kann ich auch Misslungenes berichten: Mit Kafkas „Prozess“ ist bin ich vor Jahren in einem guten Leistungskurs Deutsch gescheitert, ebenso mit „Der grüne Heinrich“ (von dem ich begeistert war und bin), ebenso mit Lems „Memoiren, gefunden in der Badewanne“. Und im G8 muss man noch vorsichtiger agieren, die Schüler sind schließlich beim Abitur ein Jahr jünger und damit menschlich ein wenig unfertiger als die Schüler im G9. Wer das nicht sieht, ist blind – oder er freut sich, wenn die Schüler alle die schönen Wörter aufsagen können, die verständnislos aufzusagen man ihnen leicht beibringen kann.

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