DDR-Sprache nach 1990

Die sprachlichen Unterschiede betrafen nicht nur die Lexik, sondern auch Grammatik, Phonetik, die Existenz verschiedener Textsorten oder auch die Kommunikationskultur an sich. Was die Lexik betrifft, soll hier die von Fix/Schroder 1997 vorgeschlagene Unterscheidung zwischen DDR-spezifischen und DDR-geprägten Wendungen aufgenommen werden, da sie sich als relevant für den heutigen Sprachgebrauch erweist. DDR-spezifische Wendungen, die fest an staatliche Institutionen gebunden waren – z.B. Lexeme wie Volkspolizist, Unterstufenlehrer, EOS, SERO, Jungpionier usw. – sind nach 1990 relativ schnell verschwunden, da ja auch ihre außersprachlichen Referenten, also die jeweiligen Institutionen nicht mehr existieren. Sie können mittlerweile als archaisiert betrachtet werden. DDR-geprägte Wendungen waren dagegen schwieriger zu vermeiden, da die SprecherInnen sich oft nicht bewusst waren, dass diese Wendung nur für das Gebiet der DDR typisch waren und diese auch keineswegs politisch konnotiert waren. Sie sind politisch und kulturell >unaufälllig< und haben sich daher zum Teil bis heute erhalten. Eingeweihten verrät ihr Gebrauch jedoch sehr schnell die Zugehörigkeit des Sprechers oder der Sprecherin zur jeweiligen deutschen Sprachgemeinschaft.

Der 1990 einsetzende Sprachwandel war für SprachwissenschaftlerInnen ungeheuer interessant. Normalerweise vollziehen sich Sprachwandelprozesses eher langsam und können erst über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte nachgewiesen werden. Der deutsch-deutsche Sprachwandel vollzog sich dagegen mit großer Geschwindigkeit innerhalb von zehn Jahren. Oftmals gab es keine Gelegenheit, die Sprachzeugnisse der DDR zu retten bzw. zu konservieren, da DDR-typische Sprachdaten während der Euphorie der Wendezeit in großem Umfang vernichtet wurden. Ruth Reiher und Antje Baumann (2004) haben den Sprachwandel analysiert und verschiedene Etappen modellhaft dargestellt (Koexistenz > Kontakt/Kollision/Konflikt > Sprachliche Anpassung > Westdeutsch als Gesamtdeutsch). Seit knapp zehn Jahren gilt dieser Sprachwandel als abgeschlossen. Die Ostdeutschen haben aufgrund eines stark gefühlten Anpassungs- und Assimilierungsdrucks die westdeutsche Sprachvariante weitgehend übernommen.

Folgende Sprachwandelprozesse konnten unter anderem beobachtet werden:

  1. Das Verschwinden der DDR-spezifischen Lexik bzw. eine Archaisierung mit einer einhergehenden semantischen Ausbleichung (Abkürzungen und Akronyme wie EOS, EVP, HO, LPG oder SERO können heute nur noch von den wenigsten Sprecherlnnen korrekt entschlüsselt werden).
  2. Desynonymisierung sprachlicher Dubletten zu Gunsten der westdeutschen Variante (ablichten > kopieren, Fahrerlaubnis > Führerschein, Feierabendheim > Seniorenheim, Fortbildung > Weiterbildung, vorfristig > vorzeitig).
  3. Bedeutungswandel einiger Wörter (Wörter wie kollektiv, individualistisch, sozialistisch, kapitalistisch erhielten neue Wertigkeiten für die Sprecher).
  4. Das Verschwinden kompletter Textsorten, die es in dieser Form nur in der DDR gab (Brigadetagebuch, Jugendweiheurkunden, Eingaben, Wettbewerbsverträge usw.).
  5. Modifizierung der Form einiger Textsorten wie Bewerbungsschreiben oder Schülerbeurteilungen.
  6. Der Import westdeutscher Bezeichnungen, die an das Gesellschaftssystem der BRD gebunden sind (Hauptschule, Landesprüfungsamt, Geschäftsführer, Selbsthilfegruppe) und deren Referenten für ostdeutsche Sprecherlnnen komplett neu und fremd waren.
  7. Asymmetrische Verwendung von Regionalismen; so wurden aufgrund des sprachlichen Anpassungsdrucks süddeutsche Regionalismen auch im mittel- und norddeutschen Sprachraum eingeführt, was zu einer großen Verunsicherung der Sprecherlnnen führte. Dies ist nachweisbar anhand der Anfragen bei Sprachberatungsstellen und Leserbriefen aus jenen Jahren (Tischler > Schreiner, Straßenbahn > Tram, Krankenhaus > Spital).
  8. Euphemistische Periphrasen werden zu Gunsten der Grundlexeme aufgegeben: (antifaschistischerSchutzwall > Mauer).
  9. Reduzierung von tautologischen Lexemen auf ihr Grundwort (Eigeninitiative > Initiative, Grundprinzip > Prinzip).
  10. Neuschöpfung vieler Lexeme während der Wende (Wendedatum, -herbst, -periode, -zeit, -hals; Reformprozess, -bewegung, -angebote; Dialogfähigkeit, -bereitschaft; Bürgerbewegungen, -foren, -initiativen; zusammenwachsen, -gehören, -kloppen, -nageln, -wuchern).

 

Peggy Katelhön: Auf den Spuren des Hühnergotts. Deutsch-deutscher Sprachwandel als Thema eines interkulturellen Deutsch-als-Fremdsprache-Unterrichts. In: SIETAR. Journal für interkulturelle Perspektiven 1/2009, S. 3 ff. (hier S. 4 f.)

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