Interpretationen: richtig / falsch ?

Zu den Binsenwahrheiten der Deutschlehrer und Interpreten mit dem großen Herzen gehört der Satz, bei einer Interpretation gebe es keine falschen Lösungen, sondern nur Lösungen. Konkret liest sich das etwa so:

„Außerdem sollten wir nun versuchen, die einzelnen Worte in einen Zusammenhang zu bringen und für uns selbst zu interpretieren.

Dabei gibt es kein richtig oder falsch. Denn wenn wir anhand unserer Gedichtanalyse etwas belegen, kann unsere Interpretation auch von der Meinung andere Menschen abweichen. Wichtig ist, dass wir ein stimmiges Gesamtbild schaffen.“ (http://wortwuchs.net/gedichtanalyse/)

Wenig später gibt es auf der gleichen Seite „Hinweise zum Aufbau der Gedichtanalyse“; dann benennt der Autor Jonas Geldschläger „Fehlerquellen bei der Gedichtanalyse“ und unterscheidet dabei viermal „Richtig / Falsch“. Auch wenn es also angeblich keine falsche Interpretation gibt, kann man doch einiges falsch machen.

Vielleicht gibt es aber auch falsche Interpretationen. Ich nenne dafür zwei Beispiele:

  1. Goethes Gedicht „Dauer im Wechsel“ beginnt so: „Hielte diesen frühen Segen / Ach nur eine Stunde fest! / Aber vollen Blütenregen / Schüttelt schon der laue West.“ In einer Klassenarbeit hat eine fromme Schülerin im frühen Segen die Taufe erkannt, was sachlich einfach falsch ist. Durch das „Aber“ in V. 3 sind die beiden Sätze miteinander im Sinn des Gegensatzes verbunden; der volle Blütenregen ist also die Tatsache, dass der frühe Segen keinen Bestand hat: Die Blütenfülle ist der frühe Segen. Im frühen Segen die Taufe zu erkennen ist eine bloße Assoziation zu einer Wortgruppe, die durch die Grammatik des Textes (Zusammenhang zweier Sätze) nicht gedeckt ist.
  2. „Wanderer, kommst du nach Spa…“ ist eine Erzählung Heinrich Bölls. Der Titel ist eindeutig ein verkürztes Zitat Schillers: „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest / uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.“ Damit ist innerhalb der Überschrift und in der Erzählung „Spa…“ eindeutig als das verstümmelte Wort „Sparta“ zu verstehen; Deutungen des Fragments als Bezeichnung des belgischen Ortes Spa haben innerhalb des Schillerzitats keinen sachlichen Grund, sind also eindeutig falsch, auch wenn manche „Interpreten“ in ihren Assoziationen diesem Einfall huldigen (vgl. etwa http://de.wikipedia.org/wiki/Wanderer,_kommst_du_nach_Spa%E2%80%A6, dort die Diskussion).

In beiden Fällen kommt der Fehler dadurch zustande, dass ein Element aus seinem Zusammenhang gelöst und isoliert „gedeutet“ wird, was natürlich zum Spinnen führt.

Dass bei der Deutung eines ganzen Werkes mit Recht Unterschiede auftauchen können, je nachdem in welchen größeren Zusammenhang man es stellt, soll damit nicht bestritten werden; das ist bloß eine Konsequenz meiner Argumentation, dass man Elemente sinnvoll nur in ihrem Zusammenhang versteht. Den einzigen großen Zusammenhang eines Werkes gibt es jedoch nicht, bzw. wenn es ihn gibt, kann ihn keiner überblicken – es wäre die Weltgeschichte.

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