Inklusion: „Inklusive Missverständnisse“

Unter diesem Titel hat der emeritierte Professor für Sonderpädagogik Otto Speck einen wichtigen Aufsatz geschrieben (SZ vom 21.10.2014, S. 12). Die Pointe ist die, dass dem deutschen „Gesetz zu dem Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ (2008) ein Missverständnis zugrunde liegt: Dort wird Inklusion als Abschaffung der Sonderschulen verstanden; der englische Ausdruck „general education system“ wurde jedoch fälschlich mit dem deutschen Begriff der „allgemeinen Schulen“ (im Unterschied zu Sonderschulen) gleichgesetzt. Dem UN-Text mit der Forderung, alle Kinder am general education system teilnehmen zu lassen, liegt jedoch die Tatsache zugrunde, dass ca 25.000.000 Kinder im Primärschulalter mit Behinderung überhaupt keine Schule besuchen (und nicht: dass sie in Sonderschulen gefördert werden). Das bestehende deutsche Bildungssystem mit seinen Förderschulen könne also formal durchaus als ein „inklusives“ angesehen werden.

Die Improvisation von Inklusion, wie sie derzeit betrieben wird, führe bloß zu Benachteiligung der betroffenen Kinder. Ein pädagogisch substanziell ausgebautes System schulischer Inklusion (als Normalfall, mit einigen Sonderschulen) koste mehr als doppelt so viel wie das Förderschulsystem – von diesen Mehrkosten wolle aber noch niemand so recht etwas wissen.

Der Hebel sei beim „Ausbau eines hochwertigen gemeinsamen Unterrichts an den Regelschulen“ anzusetzen; erst dadurch lasse sich die Förderschulbesuchsquote spürbar senken.

(Otto Speck hat das Buch „Schulische Inklusion – Rhetorik und Realität“ geschrieben, das 2011 in 2. Auflage erschienen ist.)

P.S. Vor zwei Wochen hörte ich von einem Fall, dass ein Kind blind und taub ist, in einem Rollstuhl sitzt und eine Magensonde hat – die Eltern haben durch Klage erreicht, dass dieses Kind in die Grundschule aufgenommen wird. Aber die Grundschule hat keinen Betreuer für dieses Kind bekommen: Was macht die Lehrerin mit diesem Kind (neben den 20 oder 25 anderen, die sie auch zu betreuen hat)? 15.03.15

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