„Zigeunerin“ – die Suchfunktion bei zeno.org

Dieser Tage las ich Bechsteins Märchen „Star und Badewännlein“ (in: Deutsches Märchenbuch, 1857). Darin erweist sich zum Schluss, dass eine Zigeunerin [darf man heute nicht mehr sagen, aber so steht es im Text] die Königstochter als kleines Kind gestohlen hatte; sie wird (zu Recht, denkt der biedere Märchenleser) vom Bruder der Geraubten getötet, indem er ihr sein Schwert durch die Ohren stößt; der Star singt zum Schluss:

„Der Zigeunerin tun die Ohren so weh,

Sie wird keine Kinder stehlen mehr!“

Als ich das las, fragte ich mich: Welches Bild gibt die Zigeunerin in der deutschen Literatur ab, und wie ist es zu diesem Bild gekommen? Die zweite Frage ist vermutlich schwer zu beantworten, die erste heute nicht mehr. Bei zeno.org gibt es eine Suchfunktion, da kann man „Nur in Literatur“ anklicken und sich zeigen lassen, in welchen Zusammenhängen (Texten) das Wort „Zigeunerin“ in der dort gespeicherten deutschen Literatur auftaucht. Ich drucke hier nur drei Beispiele ab:

 

Ludwig Ausbacher: Wie die sieben Schwaben von einer Zigeunerin sich wahrsagen lassen (aus: Ein Volksbüchlein, 1878/79)

Die sieben Schwaben hatten aber auf dem Wege dahin noch viele Abenteuer zu bestehen, woran sicher die Zigeunerin schuld war, die alte Hex‘. Die saß nämlich außerhalb Kriegshaber an einer Staude am Weg, und kochte ein wunderliches Zeug durch einander. – Knöpfle sind’s einmal nicht, sagte der Knöpfleschwab, als er in den Kessel hinein guckte; und der Blitzschwab meinte gar, er sehe auf der schwarzbraunen Brüh statt Pfeffer und Schmalz, Mausdreck und Krötenaugen schwimmen, so daß es ihm fast den Magen im Leibe umkehrte. Der Spiegelschwab aber ging auf die Zigeunerin zu, und sagte: Alte Trampel! du mußt mir wahrsagen. Die besah ihm die Hand, und sagte:

Wer Weiberjoch auf sich muß tragen,

Hat wol von großer Noth zu sagen.

Die Blitzhex redet wahr, sagte der Spiegelschwab, und schob den Gelbfüßler hin. Dem lugte sie auch in die Hand, und sagte:

Einem, der ist übermannt,

Dem ist das Fliehen keine Schand‘.

Die stichelt auf meine Stiefele, dachte er, und sie weiß, daß ich laufen kann. Da die beiden Gesellen mit der Wahrsagerin zufrieden zu sein schienen, so folgten auch die andern. Und zum Seehasen sagte sie:

Ein Ding man leget manchem vor,

Wenn man es thät, der wär ein Thor.

Zum Knöpfleschwaben sagte sie:

Was man erspart an seinem Mund,

Das frißt die Katze oder Hund.

Zum Nestelschwaben sagte sie:

Den Esel kennt man an den Ohren,

An der Red‘ Weise und Thoren.

Zum Allgäuer sagte sie:

Der Wagen wird nicht wohl geführt,

Wenn Ochsen ungleich angeschirrt.

Bygost! sagte der Allgäuer, das hab‘ ich selber schon oft erfahren, wenn ich hab‘ Mist ausgeführt. Die Hex‘ sieht einem, wägerle! durch das Herz. Der Blitzschwab aber, der tiefer in den Hafen geguckt, wollte mit der Heidin nichts zu schaffen haben, sondern stieß ihr vielmehr den Kessel um und ins Feuer, so daß dieses mit Prasseln auseinander gefahren und ausgeloschen ist. Die Zigeunerin aber, voller Zorn, rief ihm mit schätternder Stimme nach:

Jungfrau Lieb‘ ist fahrend Hab‘,

Heut »Herzliebster«, morgen »Schabab«.

Und so konnten denn die sieben Schwaben ihrem Schicksal nicht entgehen.

 

Ferdinand von Saar: Die Zigeunerin (1888)

 

Drängende Hast in wilder Geberde,

Gabe heischend mit thierischem Laut,

Steht sie vor mir, wie entwachsen der Erde,

Daß es in tiefster Seele mir graut.

 

Aus dem Antlitz mit grellem Funkeln

Schauen die Augen voll Gier und Trutz,

Um die Glieder, die schlanken, dunkeln,

Hängt es in Lumpen, starrend von Schmutz.

 

Doch so gewahr‘ ich strotzende Brüste,

Feingeformt wie die schmale Hand,

Und durch die Hülle, die lose, wüste,

Dämmert der Hüfte schwellender Rand. –

 

Daß er zuletzt noch mit dir versöhne,

Brauner Unhold, verfehmtes Weib,

Weisest du achtlos in seiner Schöne

Sieghaften Zaubers den Menschenleib!

 

Hermann von Lingg: Die Zigeunerin (1905)

 

Sechzehn Jahr alt ist die kleine

Sittah, die Zigeunerin.

Wild wie sie tanzt keine, keine

Schwingt wie sie das Tamburin.

 

Kauernd an der alten Mauer

Vor des Mohrenkönigs Tor

Fand ich sie im Fieberschauer,

Und ich hob sie sanft empor.

 

Fliehe, sprach sie, geh vorüber,

Tödlich ist mein Fieberhauch!

Kind, erwidert‘ ich, am Fieber,

Ach, am schlimmsten leid‘ ich auch:

 

Liebe heißt es, dies verzehrend

Heiße Fieber; doch gesund

Küsse, mir nicht länger wehrend,

Küsse mich dein roter Mund. –

 

Die gleiche Suchfunktion bietet http://gutenberg.spiegel.de/; dort muss man nur darauf achten, dass man nicht beim SPIEGEL sucht, sondern die untere Suchfunktion von gutenberg.de erwischt; in den genannten Texten ist das gesuchte Wort dann gelb markiert. Die Suche bei gutenberg.spiegel.de bringt aber mehr Arbeit als die bei zeno.org, weil bei gutenberg.de auch zahlreiche ausländische Titel gespeichert sind und in die Suche einbezogen werden; wer sich also speziell für deutsche Literatur interessiert, muss die Ergebnisse dort stärker filtern – wer sich jedoch auch für ausländische Literatur (in deutscher Übersetzung!) interessiert, ist bei gutenberg.de besser aufgehoben. Aber auch bei zeno.org werden ausländische Werke der Weltliteratur präsentiert – filtern muss man je nach Suchauftrag also immer. Um auf die Zigeunerin zurückzukommen: Vielleicht ist die Frage nach dem Bild der Zigeunerin in der deutschen Literatur zu eng gestellt, vielleicht muss man die europäische Literatur beachten, wenn man ein vollständiges Bild erhalten will? Aber in Schule und Hochschule haben auch eingeengte Fragestellungen ihr Recht – man muss dann nur wissen, dass die Frage eng gestellt ist. Was praktisch nicht klappt, ist der Versuch, etwa die Verwendung des Wortes „Zigeunerin“ bei Goethe zu untersuchen: a) Man weiß nicht, ob der ganze Goethe zum Suchen bereitgestellt wird; b) es gibt viele Nieten, bei denen irgendwie die Wörter „Goethe“ und „Zigeunerin“ zusammen vorkommen, ohne dass Goethe der Autor wäre.

Ich habe einen Test vorgenommen: „intellektuelle Redlichkeit“ bei Nietzsche erforschen. Das Ergebnis war bei zeno.org.philosophie: „Nietzsche +Redlichkeit“ 8 Ergebnisse, alle nicht von Nietzsche; „intellektuelle Redlichkeit“ 19 Ergebnisse, davon 2 von Nietzsche. Bei gutenberg.de: „Redlichkeit +Nietzsche“ 106 Ergebniss; „intellektuelle Redlichkeit“ 116 Ergebnisse, davon die meisten nicht von Nietzsche; „intellektuelle Redlichkeit +Nietzsche“ 36 Ergebnisse, davon 14 von Nietzsche. Fazit: In diesem Fall war gutenberg.de weitaus ergiebiger als zeno.org.

Eine ähnliche Suchfunktion gibt es bei http://www.deutschestextarchiv.de/.

Mit diesen Suchfunktionen gibt es also einige Möglichkeiten, bestimmte Themen (Stichwörter) in der gemeinfreien deutschen Literatur bis ins frühe 20. Jahrhundert zu untersuchen – man braucht nur etwas Geschick und Sitzfleisch sowie die Fähigkeit, gefundene Belege systematisch zu ordnen.

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