Prozente, Politik und Pannen: Betreuungsgeld-Studie falsch gerechnet

Eine peinliche Panne ist dem Forschungsverbund DJI/TU Dortmund (http://www.dji.de/index.php?id=20) unterlaufen: In der Betreuungsgeld-Studie, die vor drei Tagen veröffentlicht wurde, bzw. in deren Zusammenfassung haben die „Forscher“ zwei Prozentzahlen addiert, die man nicht addieren darf.

 

So fing es an:

„In der Studie nannten von jenen Eltern, die keine Berufsausbildung oder einen Hauptschulabschluss haben, 54 Prozent das Betreuungsgeld als Grund dafür, dass sie ihre Kleinkinder nicht in eine Kita schicken. Bei Familien mit mittlerer Reife reduziert sich dieser Anteil auf 14 Prozent, bei Akademikern auf 8 Prozent. Von den Familien mit Migrationshintergrund, die keine Betreuung für ihr Kleinkind wünschten, führten 25 Prozent das Betreuungsgeld als Begründung an. Bei deutschstämmigen Familien lag dieser Anteil nur bei 13 Prozent.“ (Hamburger Abendblatt: Studie: Betreuungsgeld setzt für Eltern falsche Anreize, 28.07.14, mit Quellenangabe dpa) so noch am 31.07. 10:00

Es gab zwar methodische Bedenken, die Stefan Sell geäußert hatte:

„Das Betreuungsgeld hält Migrantenfamilien davon ab, ihre Kinder in eine Kita zu schicken – zu diesem Schluss kommt eine Studie des Deutschen Jugendinstituts. Dabei seien die Daten nicht überprüfbar, kritisiert der Ökonom Stefan Sell.

Der Direktor des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik der Hochschule Koblenz (IBUS), Stefan Sell, hält die jüngst vom Deutschen Jugendinstitut veröffentlichten Studienergebnisse zum Betreuungsgeld für nicht nachvollziehbar.“ (Deutschlandradiokultur, Interview zum Betreuungsgeld, Beitrag vom 28.07.2014)

Aber alle Welt verkündete: 54%… SPD-Politiker sahen sich direkt in ihrer Kritik am Betreuungsgeld bestätigt… Das Ergebnis war ja auch ausgesprochen „prekär“: „In der Studie nannten von jenen Eltern, die keine Berufsausbildung oder nur einen Hauptschulabschluss haben, 54 Prozent das Betreuungsgeld als Grund dafür, dass sie ihre Kleinkinder nicht in eine Kita schicken. Bei Familien mit mittlerer Reife reduziert sich dieser Anteil auf 14 Prozent, bei Akademikern gar auf acht Prozent.“ (Focus, 29.07.2014, 07:33)

 

Dann meldete die SZ am 30. Juli 2014 (S. 5): „Fehler in der Betreuungsgeld-Studie“: 22,6% der Hauptschulabsolventen und 31,2 der Befragten ohne Schulabschluss hatten angegeben, wegen der 100 Euro ihr(e) Kind(er) nicht in die Kita schicken zu wollen; die beiden Zahlen hatten die Forscher addiert! (Man merkt, wie sich politischer Wille und mathematische Unfähigkeit miteinander verbinden.) Die SZ korrigierte ihren Bericht vom 28. Juli im Internet nachträglich:

„Wir haben den Text am 29. Juli 2014 in zwei Punkten korrigiert. In der ersten Version des Textes kam nicht deutlich heraus, dass die Uni Dortmund und das DJI ihre Elternbefragung bereits vor Einführung des Betreuungsgelds unternommen hatten. Außerdem fand sich darin eine falsche Zahl, die allerdings aus der Zusammenfassung der Studie durch das DJI und die Uni Dortmund übernommen worden und durch einen Rechenfehler zustande gekommen war. Nur knapp 27 Prozent – und nicht, wie zuerst dargelegt 54 Prozent – der Eltern ohne Berufsausbildung oder mit niedrigem Bildungsabschluss, haben demnach angegeben, wegen des Betreuungsgeldes auf staatliche Betreuung ihrer Kleinkinder verzichten zu wollen.“

 

So eine mathematische Panne lässt einen zweifeln, ob auch sonst die „statistischen Zahlen“ des Forschungsverbundes DJI/TUDO und ähnlich interessierter Institute wohl immer stimmen (ich erinnere an die 5,8mal größere Chance der Akademikerkinder, ein Gymnasium zu besuchen!). Ich möchte hier nicht für oder gegen das Betreuungsgeld sprechen, sondern nur zeigen, wie schwach manchmal (oder meistens?) die Zahlen sind, mit denen Politik gemacht wird. (13.00 Uhr)

 

P.S. http://www1.wdr.de/themen/infokompakt/nachrichten/nrwkompakt/nrwkompakt30438.html

http://www.freiewelt.net/betreuungsgeld-studie-als-polit-mediales-debakel-10038104/

http://www.presseportal.de/pm/59019/2796572/neues-deutschland-tu-dortmund-unbekannte-leiteten-studie-ueber-betreuungsgeld-an-die-oeffentlichkeit/rss

http://kleinewelt.xobor.de/blog-e24744-Falsche-Zahlen-und-unsinnige-Argumente-gegen-das-Betreuungsgeld.html

https://www.freitag.de/autoren/ulrike-baureithel/jenseits-der-graeben (Der FREITAG hat wie die meisten Blätter noch nichts gemerkt!)

http://ssl.br.de/nachrichten/ig-betreuungsgeld-bildung-100.html (So ist es richtig.) (15.35 h)

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