Deutsche Wörterbücher – Aufbau eines Artikels

Jeder von uns „weiß“ natürlich in seiner Sprechkompetenz, dass ein Wort nicht nur eine Bedeutung hat, sondern ein Bedeutungsspektrum abbildet; aber das theoretisch einzusehen ist gar nicht so einfach – einzusehen und daraus die Konsequenz zu ziehen, dass ein einsprachiges Wörterbuch der eigenen Muttersprache zu verwenden uns großen Nutzen bringen kann.

Was gehört in den Artikel eines einsprachigen deutschen Wörterbuchs? [Für Schüler muss hier erläutert werden, dass der Rechtschreibduden kein „richtiges“ Wörterbuch der deutschen Sprache ist, sondern bei der Rechtschreibung deutscher Wörter (mit Angaben zur Bedeutung mancher Wörter) hilft.] Statt in eine lexikografische Diskussion einzutreten, untersuche ich einfach, was in drei einbändigen Wörterbüchern der deutschen Sprache (Bünting 1996, Duden 1989, Wahrig 2006) zu finden ist. Dabei gilt, dass die folgende Übersicht nur einen Näherungswert besitzt (d.h. die Artikel der drei Wörterbücher sind nicht völlig gleich aufgebaut):

  • Stichwort
  • grammatische Angaben
  • Bedeutungen des Stichworts, geordnet
  • – Markierung des Wortschatzbereichs (Sprachschicht u.Ä.)
  • – Bedeutung/Bedeutungsvariante umschrieben (Definition)
  • – mit Beispiel der Verwendung (Beleg)
  • das Stichwort in Wendungen und Redensarten, geordnet
  • – Bedeutung umschrieben
  • – mit Beispiel der Verwendung
  • Angaben zur Wortgeschichte

Die Verwendung in Redewendungen und Redensarten wird nach verschiedenen Prinzipien geordnet; sie werden entweder den verschiedenen Bedeutungen zugeordnet (Duden), als Bedeutungsvariante aufgeführt (Bünting) oder nach grammatischen Kriterien geordnet (Wahrig).

Wie sich diese Angaben in den verschiedenen Wörterbüchern unterscheiden, zeige ich (stark verkürzt) am Beispiel der Bedeutungen des Stichworts „Haus“:

Büntings „Haus“:

1 Gebäude

2 a) sozialer Familienhintergrund

2 b) ein adeliges Geschlecht

3 Haus und Hof

4 Haus und Herd

5 mit der Tür ins Haus fallen

6 jemandem das Haus verbieten

7 das Haus hüten

8 jemandem das Haus einlaufen, einrennen

9 auf, in etwas zu Hause sein

10 Haus der offenen Tür

Dudens „Haus“:

1. a) Gebäude, das Menschen zum Wohnen dient

1. b) Gebäude, das zu einem bestimmten Zweck errichtet wurde

1. c) Wohnung, Heim, in dem man ständig lebt

2. a) Gesamtheit der Hausbewohner

2. b) Personen, die sich in einem bestimmten Haus (1 b) befinden

3. Dynastie, [Herrscher]geschlecht

4. Person, Mensch

5. a) Tierkreiszeichen in seiner Zuordnung zu einem Planeten

5. b) einer der zwölf feststehenden Abschnitte, in die der Tierkreis eingeteilt ist

(Die Redewendungen sind den jeweiligen Bedeutungsvarianten zugeordnet.)

Wahrigs „Haus“:

1 als Unterkunft oder Arbeitsstätte dienendes Gebäude mittlerer Größe

2.1 Heim

2.2 Insassen eines Gebäudes, Bewohner einer Wohnung

2.3 die wirtschaftliche Gestaltung, das gesellige Leben einer Familie

2.4 Fürstengeschlecht, Dynastie

3.1 Unternehmen, Firma

3.2 deren sämtliche Angestellten

4 Theater-, Konzertsaal, alle anwesenden Zuschauer, Zuhörer

5 Parlament, das Gebäude sowie die Parlamentsmitglieder

6 Gehäuse, Schale

7 jeder der 12 Teile der Himmelskugel

8 Mensch

(Die Redewendungen sind nach grammatischen Merkmalen geordnet.)

Die Wörter der Wortfamilie „Haus“ werden jeweils kurz in eigenen Artikeln erfasst.

 

Wie man sieht, unterscheiden sich die Wörterbücher nach Differenzierung der Bedeutung und Ordnung des Bedeutungsfeldes erheblich; deshalb schaut man am besten in verschiedene Wörterbücher, wenn man etwa bei der Gedichtinterpretation das Bedeutungsspektrum eines Wortes möglichst ganz erschließen will. Hier ein paar Belege dafür, dass ich selber mit dem Wörterbuch arbeite (in meiner Schulzeit wusste ich nicht einmal, dass es neben dem DUDEN Wörterbücher gibt, und im Studium habe ich nicht gelernt, mit ihnen zu arbeiten) und nicht nur didaktisch gut gemeinte Empfehlungen gebe:

https://norberto42.wordpress.com/2014/03/20/mosebach-das-blutbuchenfest-2014-besprechung/

https://norberto42.wordpress.com/2014/03/10/droste-hulshoff-das-spiegelbild-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2013/09/29/kastner-zeitgenossen-haufenweise-analyse-2/

https://norberto42.wordpress.com/2014/01/28/werfel-fremde-sind-wir-auf-der-erde-alle-analyse/

 

Man findet in manchen Wörterbüchern weitere Angaben:

  • Angaben zu Sachgebieten, in denen das Wort verwendet wird; dies kann auch durch Angabe von „Oberbegriffen“ oder der Dornseiff-Bedeutungsgruppen erfolgen
  • Analog werden manchmal, jedoch selten „Unterbegriffe“ genannt oder die Wörter der Wortfamilie aufgezählt
  • Angabe der Häufigkeit der Verwendung innerhalb der Gesamtheit der deutschen Wörter
  • Angabe der Wörter, mit denen zusammen das Wort häufig verwendet wird
  • Angabe der grammatischen Konstruktionen, in denen das Wort verwendet wird
  • Angaben zu Aussprache (umschrieben oder vorgesprochen)
  • Synonyme werden nur in speziellen Wörterbüchern aufgeführt

Wenn ein Artikel so viele Angaben enthält, können „Anfänger“ leicht verwirrt werden und die Übersicht verlieren.

 

Wer sich für die Theorie der Lexikografie interessiert, sei auf folgende Links verwiesen:

http://www.cl.uni-heidelberg.de/courses/archiv/ss06/lexsem/Broscheit.pdf Die Struktur von Wörterbüchern

http://www.cis.uni-muenchen.de/~uli/kurse/ws0708/hist_ocr/material/lexikographie_tei.pdf Neue Konzepte in der Lexikographie

http://www.univie.ac.at/iggerm/archive/files/VO_Scheuringer.pdf Lexikologie (der Oberbegriff zu Lexikografie)

http://www.helsinki.fi/~lenk/mikrostruktur.htm Aufbau von Wörterbuchartikeln

http://193.6.132.75/bauteile.pdf Theorie der einsprachigen Lexikographie: Bauteile und Strukturen von Wörterbüchern

http://wikis.zum.de/dsb/Deutsch/Lernpfad:_Materialgest%C3%BCtztes_Verfassen_eines_informierenden_Textes/Merkmale_eines_Lexikonartikels „Merkmale eines Lexikonartikels“

http://www.studiger.tu-dortmund.de/index.php?title=Internet-Lexikographie (Liste von Wörterbüchern)

https://de.wikipedia.org/wiki/Lexikografie (Artikel: Lexikografie)

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Auf der Basis dieses Artikels habe ich einen kleinen Aufsatz verfasst: Online-Wörterbücher im Vergleich – Internetquellen beurteilen (in: Deutschunterricht 1/2015, S. 30 ff.). Bei einer ruhigen Prüfung ist das DWDS das beste deutsche online-Wörterbuch der Gegenwartssprache. Vgl. die Liste der Wörterbücher am rechten Rand!

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