Zentrale Prüfungen – Lehrerverbände gegen „Testeritis“

Derzeit läuft in NRW das Zentralabitur; morgen beginnen die zentralen Prüfungen in Kl. 10 (ZP 10). Dazu passt eine Meldung, dass die Lehrergewerkschaften „gegen zu viele Tests und Leistungsvergleiche an den Schulen“ protestieren (hier):

Die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe sprach von «reiner Datenhuberei». In keinem Bundesland hätten bisher die mit dem Test an einzelnen Schulen in sozialen Brennpunkten zu Tage getretenen Lernprobleme zu mehr Lehrereinstellungen oder zu mehr Weiterbildung der Pädagogen geführt. Auch seien die VerA-Effekte in Sachen Qualitätsverbesserung «nie von unabhängigen Forschern evaluiert worden». Laut einer Studie der GEW sähen 70 Prozent der Lehrer keinen Nutzen in den kosten- und zeitaufwendigen VerA-Tests. (…)

Der VBE-Chef Udo Beckmann kritisierte: «VerA engt den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schulen unzulässig ein und verdeckt die schulischen Bedingungen vor Ort.» Es sei «ein Segeln unter falscher Flagge, aus den flächendeckenden Tests den Lehrern Impulse für ihr künftiges Unterrichten zu versprechen». Kein VerA-Test habe bisher zu mehr Möglichkeiten individueller Förderung für Schüler geführt. Stattdessen bedeute VerA für die Lehrer zusätzlichen Zeitaufwand, der besser für die Schul- und Unterrichtsentwicklung eingesetzt werden könnte.

Eine andere Folge, die man beim Zentralabitur bemerken kann, ist die Tatsache, dass pointiert auf die Prüfung hin unterrichtet und für die Prüfung gelernt wird – danach kann man beruhigt alles „abhaken“. Ich habe das einmal bei einem Schüler erlebt, dem ich Nachhilfe gegeben habe. Es ging um die Neue Sachlichkeit (ca. 1930), für eine Lektüre des entsprechenden Wikipedia-Artikels hatte er keine Zeit; „ich brauche fünf Schlagworte, die ich immer reinhauen kann“. Ergebnis der Klausur: befriedigend.

Es gibt allerdings Schulen, muss man fairerweise sagen, die aufgrund der Ergebnisse der Lernstandserhebungen in Kl. 8 und der ZP 10 überlegen, ob das Curriculum optimal umgesetzt wird. Ob sich dann viel im Unterricht ändert, ist wieder eine andere Frage – dass zentrale Prüfungen jedoch zu individueller Förderung führen, ist ein bildungspolitisches Hirngespinst, eine der frommen Lügen der Kultusminister. Und natürlich muss man sehen, dass aufgrund der zentralen Prüfungen bei den nicht beteiligten Schülern Unterricht ausfällt, wogegen die betroffenen Lehrer teilweise erheblich belastet werden. (Aber die übergeordneten Schulbehörden und die Kultusministerien sind geil nach statistischen Daten – u.a. Noten von Prüfungen – die sie dann ablagern, ohne irgendwelche Konsequenzen daraus zu ziehen; nur die Schüler-Lehrer-Relation wird in NRW immer schlechter; aber das würde sie auch ohne zentrale Prüfungen.)

Dass die Schüler durch zentrale Prüfungen dagegen unter Leistungsdruck gesetzt würden, halte ich für eine von den Verbänden erfundene Mär, mit der man den Unmut über Mehrarbeit schön kaschieren kann. Leistungsdruck entsteht durch Leistungserwartungen der Eltern, nicht durch die zugehörigen Prüfungen; Leistungsdruck ist per se auch nichts Schlechtes – schlecht ist ein zu großer Leistungsdruck, wobei dann im Einzelfall zu prüfen bleibt, wann er zu groß ist und warum er zu groß ist. Aber wer ist imstande und hat Lust, das zu prüfen?

Advertisements