Gewalt gegen sich: Selbstmord (Projekttage)

„Nach den jüngsten Daten des Statistischen Bundesamtes gab es 2009 bei Menschen unter 26 Jahren insgesamt 587 Suizide. Darunter waren 456 junge Männer und 131 junge Frauen.“ (t-online, 2013)

Ich bin 1980 am NGM mit dem Phänomen konfrontiert worden: Monate nach ihrem Abitur nahmen sich zwei meiner ehemaligen Schüler das Leben; ein Junge erhängte sich, ein Mädchen stürzte sich (vermutlich) von einer Brücke. Das war ein Schock, vor allem dass dem ersten Unglück das zweite folgte; „jetzt geht es los“, hatte man das Gefühl.

1994 standen am FMG Projekttage an, für die das große Thema „Gewalt“ vorgesehen war. Ich schlug als Unterthema „Gewalt gegen sich: Selbstmord“ vor; dieses Thema stieß auf so großes Interesse, dass drei Gruppen sich damit befassen mussten. Eine dieser Gruppen habe ich geleitet; zu ihr gehörten Mädchen und Jungen aus Kl. 10-12.

Um die Schwerpunkte unserer Arbeit festzulegen, hatte ich einen Fragebogen erstellt und von den Schülern ausfüllen lassen. Dabei ergab sich,

  • dass die Schüler vor allem am Selbstmord von Jugendlichen interessiert waren
  • dass sich fast alle schon einmal mit dem Thema auseinandergesetzt hatten
  • dass sie durchweg Leute kannten, die Suizid erwogen hatten
  • dass sie auch die Frage untersuchen wollten, ob es ein Recht auf Selbstmord gibt
  • dass sie Beratungsstellen für Suizidgefährdete kennenlernen wollten
  • dass sie kein Material zum Thema (Buch, Film) besaßen.

Gleichmäßig verteilt war das Interesse an den Gründen von Suizid und am Umgang mit gefährdeten Menschen, ebenso das Interesse, selber aktiv zu werden, wie das Interesse, sich von Fachleuten informieren zu lassen.

Am 1. Tag, dem 7. September 1994, habe ich zunächst die Ergebnisse der Umfrage vorgestellt und wir haben das weitere Vorgehen geplant. Wir haben mit einem Fall begonnen: Gedanken eines Mädchens, Lisa, am 7. Tag nach einem gescheiterten Selbstmordversuch (Wedler, Hans-L.: Gerettet? Begegnungen mit Menschen nach Selbstmordversuchen, 1979. SL 239, S. 61-65) Anschließend haben wir den Film „Wenn Kinder sterben wollen“ gesehen. Nach einer Pause haben wir den Film besprochen und die ambivalenten Gefühle des Mädchens Lisa analysiert:

  • „mich in Ruhe lassen“ – sie möchte im Mittelpunkt stehen
  • sucht Hilfe – will sich nicht helfen lassen
  • Freiheit vom Vater – Angst vor der Mutter
  • Verständnis für die Mutter – möchte der Mutter Schuld zuweisen

Die Mutter wollte Lisa an sich binden. Unsere kritische Frage lautete: „Wie sieht man sich und den anderen?“ Einerseits fühlt man die Bedeutung des anderen, anderseits kann man die Beziehung distanziert als einen Fall wie andere betrachten. Diese befreiende Einsicht verdanke ich dem außerordentlich klugen Buch Felix Schottlaenders „Die Mutter als Schicksal“. Wir haben auch Lisas Mutter zu Wort kommen lassen, um ihr Handeln zu verstehen. – Schließlich hat eine Schülerin referiert, welche Hilfsangebote für Suizidgefährdete es in Mönchengladbach damals gab; möglicherweise hat eine weitere Schülerin über Jean Améry („Hand an sich legen“, 1976) referiert.

Am 2. Tag dominierte die Betrachtung von außen. Dazu haben wir Erwin Stengel: Selbstmord und Selbstmordversuch, 1969, S. Fischer Verlag, S. 65-67 gelesen. Stengel denkt sich einen gelehrten Außerirdischen, der die Erde besucht und sich Gedanken über die Leute macht, die einen Suizid versuchen. Er kommt zum Ergebnis, dass deren Verhalten „wahrscheinlich auf eine Kombination von mindestens zwei Tendenzen zurückzuführen ist, nämlich auf den Drang zur Selbstverletzung, möglicherweise zur Selbstvernichtung, und auf das Verlangen, andere Menschen zur Äußerung von Sorge und Liebe und einem entsprechenden fürsorglichen Handeln zu bewegen.“ Diese Einsicht setzte eine Marke für unsere weiteren Überlegungen und Gespräche.

Den zweiten Teil des Tages bestritt eine Schülermutter, eine ausgebildete Sozialpädagogin, die dementsprechend praktische Fragen des Umgangs mit Gefährdeten behandelte. Davon habe ich keine Unterlagen. Ob wir auch die Gedanken von Heinrich Popitz („Phänomene der Macht“, 1992, S. 80-85) über die Drohung (mit Selbstmord) verwendet haben, kann ich meinen Unterlagen nicht mehr entnehmen; den Text hatte ich jedenfalls für alle kopiert.

Am 3. Tag haben wir vermutlich unsere Ergebnisse zusammengetragen und bewertet. Es gibt davon ein Arbeitsblatt, auf dem ich zwei Fragen kurz behandelt habe: 1. An wen kann man sich in Not wenden? 2. Wo kann man sich über das Thema informieren? Dazu habe ich einige Bücher genannt, aber auch die Signaturen Gcr und Vet aus der Stadtbibliothek und den Schlagwortkatalog, den es damals in Rheydt gab. Einem Zeitungsbericht vom 10. September 1994 entnehme ich, dass auch eine Reporterin der RP am letzten Tag bei uns war und sich über unsere Arbeit informiert hat.

Damit endet mein Bericht von den Projekttagen 1994; der Bruder einer Teilnehmerin, ein Schüler von mir, hat sich als junger Mann später das Leben genommen – zwei seiner großartigen Bilder hängen in unserem Haus, eines davon in meinem Arbeitszimmer. Ich halte meine unbedarfte Art, „Projekttage“ zu organisieren, nicht für vorbildlich; ich möchte nur Kollegen auf ein wichtiges Thema hinweisen, das im normalen Schulalltag keine Beachtung findet.

(Für Michael, Stefanie und Boris)

Advertisements