Sprachwandel: er befließ sich

In Jakob Wassermanns Roman „Der Fall Maurizius“ (1928, Ausgabe Langen Müller 1981) bin ich zweimal auf die Formel „er befließ sich (S. 324, 432) = „er befleißigte sich“ gestoßen; das starke Präteritum hatte ich noch nie gehört oder gelesen – dabei ist Wassermann nur 69 Jahre älter als ich.

Im canoo-Wörterbuch steht nur die schwache Form von „(sich) befleißigen“; das Grimm’sche Wörterbuch und Adelung kennen das Verb nicht. Bei google findet man gut 30 Belege für „er befließ sich, die aus der Zeit vor 1850 stammen. Im DWDS fand ich dann als Infinitiv die Form sich einer Sache befleißigen/befleißen sich um etw. sehr bemühen angegeben – damit wird klar, dass „befließ“ das starke Präteritum zu „sich befleißen“ ist. Dieses Verb findet man dann auch bei Adelung, aber nicht im DWb.

Wir haben hier einen Fall des Sprachwandels vor uns, der lexikalisch nicht leicht zu fassen ist, weil „befleißen“ als Infintiv (mir) völlig unbekannt ist bzw. war; 1928 muss die Form „er befließ sich“ bereits ein Archaismus gewesen sein.

Adelung, Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, 2. Auflage:

Befleißen, verb. irreg. recipr. Imperf. ich beflíß mich, Supin. beflissen; oder Befleißigen, verb. reg. recipr. Fleiß auf die Erwerbung einer Sache wenden, mit der zweyten Endung des Nennwortes. Sich der Tugend, der Gottesfurcht, eines anständigen Wandels befleißigen. Ich muß mich der Kürze befleißigen. Ingleichen Fleiß auf die Erlernung einer Sache wenden. Sich der Rechtsgelehrsamkeit, der Weltweisheit, der Künste befleißigen. S. hernach Beflissen. Einige, besonders Oberdeutsche Schriftsteller, verbinden dieses Wort oft mit dem Vorworte auf, welche Wortfügung bey dem Opitz mehrmahls vorkommt. Sich auf Künste, auf etwas befleißigen. Allein im Hochdeutschen klingt diese Verbindung alle Mahl ungewöhnlich und widerlich, ob sich gleich das Mittelwort beflissen gar wohl auf diese Art gebrauchen lässet. Ganz richtig wird es dagegen mit dem Infinitiv verbunden. Ich habe mich jederzeit beflissen, eine gute Hand zu schreiben. Er befleißiget sich sehr, eine gute Hand zu schreiben.

Auch im Weigand-Wörterbuch (1909, 5. Aufl.) finden wir das Verb „befleißen“.

P.S. Nachträglich sehe ich, dass auch im Rechtschreibduden u.ä. Wb „befleißen“ aufgeführt wird, direkt über „befleißigen“ – vielleicht hätte ich es auch da gefunden, wenn ich gesucht hätte. Ja, wenn ich gewusst hätte, wonach genau ich suchen musste…

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