Zentralabitur Deutsch NRW 2013 – Lk, 3. Thema

3. Thema: Analyse und (Beinahe-)Erörterung eines Sachtextes

1. Den Argumentationsgang eines Textauszugs von W. Rasch wiedergeben, dabei seine Auffassung vom Zusammenhang zwischen Gottesvorstellung und Humanität (in „Iphigenie auf Tauris“) erschließen.

2. a) Darstellen, wie die Figurenentwicklung von Orest und Iphigenie zur Konfliktlösung beiträgt; b) prüfen, inwieweit sich Raschs Deutung (wessen???) auf diese beiden Figuren beziehen lässt; c) erläutern, inwieweit Raschs Begriff der Humanität „für die Zeit von Aufklärung und Weimarer Klassik bedeutsam ist“.

A) Die Aufgabenstellung weist Schwächen auf: Der Gedankengang muss nicht analysiert, sondern „wiedergegeben“ werden – das läuft weithin auf inhaltliche Reproduktion hinaus (wie die Lösungserwartung zeigt), wie das mitgeforderte „Erschließen“ ebenfalls beweist: unter Niveau!

Die Aufgabenstellung 2.c) überfordert m.E. Schüler und lädt deshalb zum Schwätzen ein. – Der Begriff wird bei Rasch nicht thematisiert, sondern von Rasch formuliert. – Was heißt: für Aufklärung und Klassik „bedeutsam sein“? (Können Schüler das überhaupt beurteilen?) – Eine echte Erörterung von Raschs Auffassung wird nicht verlangt, nur deren Anwendung aufs Drama; dabei ist sie sachlich problematisch: Rasch argumentiert naiv mit Forderungen der Götter, während in „Iphigenie“ schon klar zwischen dem Willen der Götter und der (richtigen/falschen) Interpretation dieses Willens unterschieden wird. Erst durch innere Umkehr kann man den Willen der Götter richtig verstehen (V,3; V,6 – es ändern sich also nicht die Götter, sondern die Menschen).

B) Lösungserwartung: Bei der Textwiedergabe wird der Vorgang, dass Rasch seine Auffassung durch Beispiele belegt (Z. 16 ff.), als „erläutern“ bezeichnet; ähnlich wird nicht gesehen, dass Rasch seine Deutung nicht bloß „in Beziehung setzt zur Entstehungszeit des Dramas“, sondern derart seine Auffassung begründen will.

Die Lösungserwartung zur bloßen Anwendung eines sachlich problematischen Textes auf ein Drama wirft Probleme auf, die ich nicht lösen will und kann.

Bei der Entwicklung Orests wird die Szene V,4 nicht gewürdigt; die Neuinterpretation des Orakelspruchs zählt für mich nicht zur Entwicklung Orests.

Iphigenie macht m.E. keine Entwicklung durch, sondern eine Krise; sie kehrt danach in den anfänglichen Zustand zurück.

Die ganze Anwendung von Raschs Theorie auf Orest ist fragwürdig, weil hier nicht zwischen den Göttern und der Interpretation der Götter unterschieden wird. Bei Iphigenie finde ich keine „nicht ganz überwundene Wirkungsmacht des alten Götterbildes“; sie steht schlicht in einem Konflikt.

Was man zu 2.c) schreiben kann, ist entweder eine Habilitation oder Geschwätz (wobei auch manche Habilitationen Geschwätz sind).

Eigentlich ist es ein Unding, die Analyse eines Textauszugs zu verlangen, wenn man den Kontext des Auszugs nicht beschreibt. Da hier aber nur eine bessere Textwiedergabe gefordert ist, wiegt das Manko nicht schwer. – Durch eine so bescheidene Aufgabenstellung (3. Thema) wird auch in einem Zentralabitur der Standard „Studierfähigkeit“ nicht gesichert, aber alle kriegen das Abitur – ist das vielleicht das Ziel rot-grüner Schulpolitik?

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