Zentralabitur Deutsch NRW 2013 – Lk, 1. Thema

1. Thema: zwei Textauszüge aus Mann: Buddenbrooks, und Koeppen: Tauben im Gras, analysieren und vergleichen

1. Den Auszug aus „Buddenbrooks“ im Hinblick auf die Lebenssituation und die innere Verfassung von Thomas analysieren; dabei seine bisherige Entwicklung berücksichtigen; auf die erzählerischen und sprachlichen Gestaltungsmittel eingehen.

2. Den Auszug aus „Tauben im Gras“ unter Berücksichtigung der erzählerischen und sprachlichen Gestaltungsmittel analysieren; anschließend die Figuren Thomas und Alexander im Hinblick auf ihre Lebenssituation und ihre innere Befindlichkeit vergleichen; auch den jeweils dargestellten gesellschaftlichen Kontext berücksichtigen.

A) Die Aufgabenstellung ist normal, die Textauszüge sind relativ kurz. Wenn man Thomas „bisherige Entwicklung“ angemessen darstellen, also auch mit Zitaten belegen soll, brauchte jeder Schüler ein eigenes Exemplar des Romans.

B) Lösungserwartung: Dass man den Inhalt des Romans in Grundzügen darstellen soll, müsste eigens eingefordert werden – bei Koeppen wird es nicht gefordert, da genügt der Kontext; wenn sie nicht ausdrücklich eingefordert werden, sind solche Erwartungen willkürlich.

Was als bisherige Entwicklung erwartet wird, stellt eine willkürliche Auswahl dar; „Firmenphilosophie“: ein prächtiges Modewort.

Wird in dem Auszug wirklich die „Lebenssituation und innere Verfassung“ von Thomas Buddenbrooks beschrieben? Oder nur die innere Verfassung? (Ich habe den Eindruck, dass insgesamt eine und-Aufgabenstellung vorliegt: Lebenssituation und innere Verfassung; erzählerische und sprachliche Gestaltungsmittel; Lebenssituation und dargestellter gesellschaftlicher Kontext; Beschreibung und Deutung bei der Lösung.)

Was bei der „Deutung“ erwartet wird, ist sachlich problematisch: Das alles ist kein Hinweis und kein Ausdruck; innere Leere und Flucht sind keine „Deutung“, sondern gehören zur beschriebenen Situation. (Die Erwartung einer „Deutung“ ist stereotype Aufgabenstellung.)

Es liegt keine Schauspiel-Symbolik vor, sondern ein Schauspieler-Vergleich. Dass Hypotaxen die Komplexität der inneren Problematik betonen, halte ich für Unsinn: Sie sagen etwas über den Erzähler und seine rhetorische Strategie, nicht über Thomas Buddenbrook aus.

Zu Koeppen: Ich sehe keine Eingangsszene. Es gibt im Roman keinen Zeitwechsel, sondern einen Tempuswechsel. Die Parataxen werden wie vorhin die Hypotaxen sachlich überfordert.

Vergleich der Figuren: Thomas sucht nicht nur die Öffentlichkeit, sondern explizit auch die Einsamkeit des Kabinetts! Er kompensiert seine Depression nicht durch Aktion, sondern durch Auftritte.

In den „Buddenbrooks“ gibt es keinen allgemeinen Überdruss am bürgerlichen Leben: Die Hagenströms sind der schlagende Beweis fürs Gegenteil. Deshalb wird die Familie B. auch nicht durch gesellschaftliche Einflüsse erschüttert, sondern (wie die Ratenkamp!) von innen her, wie man auch an den ganzen verfehlten Heiraten sieht.

Bei beiden Teilen der Aufgabenstellung gibt es zwar für die „Einleitung“, aber nicht wie sonst auch für den „Schluss“ Punkte. Einen „Schluss“ zu schreiben ist demnach ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium.

Die Bewertung der Darstellungsleistung ist ein sprachliches „Meisterwerk“: Was ist (u.a.) ein „begründeter Bezug von beschreibenden, deutenden und wertenden Aussagen“? Was soll der Schüler worauf beziehen? Das wird nicht „allgemeinsprachlich präzise“ gesagt.

Fazit: Die Lösungserwartung ist teilweise problematisch.

Advertisements