Sitzenbleiben abschaffen?

Eine der großen Reformideen ist derzeit, das Sitzenbleiben abzuschaffen. „Kein Kind zurücklassen!“ heißt das in Düsseldorf (Kraft, Löhrmann). Nun lese ich heute in der SZ (Kathrin Schwarze-Reiter: Neues Klassenbewusstsein, 11. März 2013, S. 13), dass es in Berlin das Jül gibt (jahrgangsübergreifendes Lernen), dass innerhalb dieses Jül keiner sitzenbleibt, dass es aber „Verweiler“ gibt: „Mit dem ‚Verweilen’ soll lernschwachen oder zu verspielten Kindern die Chance gegeben werden, ein Jahr länger in der Grundschule zu bleiben, ohne dass dies als Sitzenbleiben gewertet wird.“ Toll, das hatte ich nicht gewusst! Dazu möchte ich Folgendes sagen:

1. Hier haben wir die weithin gängige Schönfärberei der Reformer: Das Sitzenbleiben bleibt erhalten, heißt bloß nicht mehr Sitzenbleiben, sondern „Verweilen“.

2. Ein Irrtum der reformerischen Schönfärber besteht darin zu meinen, schulische Probleme eines Kindes seien durch mehr Lehrer zu lösen (für Jül werden zwei, besser drei pro Klasse gefordert – da meinen die Kultusminister jedoch, das sei zu teuer). Es wird nicht gefragt, woher denn die Probleme stammen, ob sie also „im Kind“ zu lokalisieren sind.

2.1 Es wäre ja auch denkbar, dass sie in der Lehrperson oder in der Beziehung Lehrperson-Kind zu lokalisieren sind; was wäre dann zu tun?

2.2 Häufig ist es so, dass sie im häuslichen Umfeld der Kinder begründet sind – was wäre dann zu tun?

3. Wenn man also ernsthaft fragt, woher die Lernprobleme stammen, muss man sagen, dass Sitzenbleiben nichts nützt (weil es eine Maßnahme ohne Problemdiagnose ist: Es kann zufällig nützen, wenn der bisherige Lehrer oder die Klase als Umfeld das Problem war!), dass es aber auch nichts nützt, das Sitzenbleiben abzuschaffen (weil es eine Nicht-Maßnahme ohne Problemdiagnose ist).

4. Die Problemdiagnose müsste in jedem Fall individuell geleistet werden – aber wer kann und wer soll sie leisten? Die normalen Lehrer können es nicht; sie können bestenfalls Lerntipps geben; sie identifizieren damit (ohne Diagnose) schulische Probleme als Lernprobleme.

5. Die Frage ist, ob oder wann man etwas Wichtiges verpasst, wenn man versetzt wird, ohne den „Stoff“ eines Schuljahrs in einem oder mehreren Fächern ausreichend zu beherrschen. Über diese Frage müsste intensiv und ehrlich diskutiert werden, wenn man schon die individuelle Diagnose eines schulischen Versagens (plus Problemlösung) nicht wirklich leisten kann. Bei dieser Diskussion muss auch berücksichtigt werden, dass ohnehin viele Schüler mit großen Kenntnislücken versetzt werden, weil der Unterricht miserabel oder lasch war, obwohl die Noten „stimmen“.

6. Die reformerische Schönfärberei, ohne Problemdiagnose Sitzenbleiben durch Verweilen zu ersetzen, nützt jedenfalls nichts.

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