Lyrisches Ich und realer Autor

Eichendorffs Gedicht „Der frohe Wandersmann“ ist 1817 entstanden. Die 2. und die 3. Strophe dieses bekannten Gedichts bzw. Liedes lauten:

„Die Trägen, die zu Hause liegen,

Erquicket nicht das Morgenrot,

Sie wissen nur von Kinderwiegen,

Von Sorgen, Last und Not um Brot.

 

Die Bächlein von den Bergen springen,

Die Lerchen schwirren hoch vor Lust,

Was sollt ich nicht mit ihnen singen

Aus voller Kehl und frischer Brust?“

Hier haben wir den schönen Fall vor uns, dass das lyrische Ich klar eine bestimmte Lebensführung verächtlich abtut („Die Trägen …“), wogegen es seine eigene rechte Lebensweise preist („Was sollt ich nicht mit ihnen singen …?“). Wir haben zweitens die Möglichkeit, diese ideale Lebensweise des lyrischen Ichs mit der realen Lebensweise des Autors Joseph von Eichendorff zu vergleichen: 1815 hat er geheiratet, im gleichen Jahr wurde sein Sohn Hermann Joseph geboren; 1816 trat er in den preußischen Staatsdienst, und zwar als Referendar in Breslau. 1817 wurde seine Tochter Therese geboren, 1821 die Tochter Agnes. 1821 wurde er Schulrat in Danzig, 1824 Oberpräsidialrat zu Königsberg und 1831 Regierungsrat im Berliner Kulturministerium. Das ist ganz und gar nicht das Leben eines frohen Wandersmanns, sondern eines der vom lyrischen Ich geschmähten „Trägen“.

Nun geht es hier nicht um eine Beurteilung von Eichendorffs Lebensführung, sondern um eine literaturwissenschaftliche Einsicht: Das lyrische Ich in Eichendorffs Gedicht „Der frohe Wandersmann“ hat nichts, aber auch gar nichts mit dem realen Leben des Autors Eichendorff zu tun. Es ist nicht möglich, durch Rückgriff auf dessen Leben die Lebensweise des lyrischen Ichs zu „erklären“, wie es bei Schülern beliebt ist und leider sogar von Lehrern vorexerziert wird. Das ist ein methodische Einsicht, die grundsätzlich gilt. In Einzelfällen mag es Parallelen zwischen lyrischem und biografischem Ich geben, und ganz unbedarfte Menschen schreien und schreiben ihre seelischen Qualen ungefiltert hinaus in die Welt – aber unsere methodische Einsicht kann das nicht umstoßen: Der Rückgriff auf die Biografie des Autors ist keine generell gültige Methode zur „Erklärung“ von Gedichten oder Kunstwerken.

Wenn diese Einsicht grundsätzlich gilt, muss man alle Versuche, die aufgezeigte Differenz zu überspielen oder zu „überbrücken“, als Ausflüchte ansehen, die sie sind: „Dieses ‚Wandern’ ist doch auch ein Symbol. Der leichte Wanderschritt, das Lied, die unbürgerliche Gelöstheit: in ihnen klingt die Freiheit der Kinder Gottes wider, jener in die Ferne hinausschauenden ‚Jugendlichen’.“ (Paul Stöcklein, rm 84, 1963, S. 58). Das ist schön und gut, was Paul Stöcklein geschrieben hat, stimmt ja auch – kann aber nicht die methodische Einsicht erschüttern, dass das lyrische Ich eines Gedichts grundsätzlich nicht das biografische Ich des Dichters ist und nicht von jenem her „erklärt“ werden kann. Amen

Daraus ergibt sich naturgemäß als zweite Einsicht, dass ein vom Ich angesprochenes „Du“ nicht der Leser ist, sondern eben der Gesprächspartner des Ich (manchmal auch das Ich selbst, wenn es sich im inneren Monolog so anspricht). Auch hier mag es Grenzfälle geben, wo ein Dichter bekehren oder agitieren möchte – aber grundsätzlich ist jedes Du ein Gesprächspartner des Ichs, und weder der Dichter noch der Leser kommen im Text vor. – Wie man die komplexen Verhältnisse zwischen Dichter, Werk und Leser aufhellen kann, ist eine andere Frage, die vor allem in der Erzähltheorie intensiv diskutiert wird; aber daraum brauchen wir uns jetzt nicht zu kümmern.

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