Schavan: Verrechtlichung in Uni und Schule

In seinem Artikel „Nur die Wissenschaft weiß, was Wissenschaft ist“ (SZ vom 8. Februar 2013, S. 11) hat Johann Schloemann klar aufgezeigt, wieso Frau Schavans Klage gegen die Entscheidung des Rats der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf problematisch ist: Da sollen Juristen über wissenschaftliche (Fehl)Leistungen urteilen. Schloemann sieht solche „Verrechtlichung von inhaltlichen Entscheidungen“ als problematisch an.

Nach rund 35 Jahren als Lehrer am Gymnasium kann ich ihm in dieser Einschätzung nur zustimmen. Ich habe selbst erlebt, wie unter dem Druck und der Drohung von Eltern, bei unliebsamer Beurteilung von Schülerleistungen „nach Düsseldorf“ zu gehen (also sich an die Bezirksregierung als Schulaufsichtsbehörde zu wenden), das Unterrichtsklima vergiftet wird; als Lehrer wägt man dann nicht nur jedes Wort dreimal ab, sondern man ist auch so stark mit der Dokumentation von Leistungen und Fehlleistungen befasst, dass das normale Unterrichten darunter leidet: ein Ergebnis der von Schloemann genannten, von Habermas analysierten „Formalisierung sozialer Beziehungen“.

Ich erinnere mich immer noch an einen Fall aus dem Schuljahr 2006/07, wo eine Schülerin (bzw. ihre Eltern, beide Kollegen an anderen Schulen) eine solide begründete Klausurnote im Fach Deutsch nicht akzeptieren wollte, weil sie dadurch ihre Chancen in der angestrebten Ausbildung gefährdet sah – „individuelles Anspruchsdenken“, wie Habermas richtig diagnostiziert; die Eltern waren nicht einmal zu einem Gespräch über die Klausur mit mir bereit, die bessere Note musste auf dem Verwaltungsweg durchgedrückt werden! Wenn sich diese Verrechtlichung weiter ausbreitet, kann man als Lehrender sein Hauptaugenmerk nur noch darauf richten, dass die eigenen Beurteilungen unangreifbar werden – dass darunter der Unterricht leidet und von „Förderung“ der betroffenen Schüler nicht mehr die Rede sein kann, versteht sich von selbst.

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2 thoughts on “Schavan: Verrechtlichung in Uni und Schule

  1. Leider haben wir in diesem Bereich schon längst „amerikanische“ Verhältnisse erreicht. Oftmals sind es die gleichen Eltern, die von Schule erwarten, dass ihre Kinder erzogen werden. Aber selbst bei meinem Bruder, der als Biologe fröhlich vor sich hin forscht, haben Praktikanten eine 1- als unzureichend empfunden, denn „ihre Motivation zur Arbeit zu kommen“ stehe bei ihrer Beurteilung doch wohl nicht zur Debatte.
    Gott sei Dank ist bei uns ein solcher Fall noch nicht eingetreten. Das größte Problem hierbei sehe ich persönlich aber darin, dass oftmas von Seiten der Schulleitung und der Bezirksregierung kaum Rückendeckung zu erwarten ist!

  2. Ich habe schon einmal erlebt, dass eine Schülerin sich über eine 1 beschwerte, weil „dieser Mist“ einer Mitschülerin 1- war; da hätte sie gern eine 1+, bitte sehr! Das wiederum hängt mit den Beurteilungen des ehemaligen Kollegen B. zusammen, dem nur das Notenspektrum von 1-3 zur Verfügung stand; das Problem der zu guten Noten habe ich an anderer Stelle behandelt – auf Seiten der Lehrer steht dahinter der Wunsch, sich Freiräume zu verschaffen, oder der Wunsch, beliebt zu sein.

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