Analyse der Sekundärliteratur – ein Modell

Analyse von Texten der Sekundärliteratur über Kunstwerke (z.B. „Nathan der Weise“):

Man muss oder kann sich dieses Unternehmen als ein Geschehen auf drei Ebenen denken: Auf der untersten, der elementaren Ebene agieren der Tempelherr und die andern Buben und Mädchen; diese Ebene nennen wir vereinfacht „Lessings Text“, das im Text festgehaltene Sprechen und Handeln der Figuren nebst den Regieanweisungen des Autors. [Auf der Augenhöhe dieser Figuren bewegt man sich noch, wenn man das Geschehen erzählt.]
Auf einer höheren Ebene operiert in unserem Fall Thomas Koebner; er schreibt einen Text über das Dramengeschehen und die Figuren des Dramas, in unserem Fall den Tempelherrn, und erklärt das Handeln der Figuren und das Geschehen; dafür beruft er sich auf „den Text“, operiert dabei mit allgemein bekannten Kategorien wie „Krise“, „Identifikationsfigur“ usw.; wenn man Koebners Gedanken bloß referiert, bewegt man sich auf seiner Augenhöhe.
Auf einer noch einmal höheren Ebene bewegen wir uns, wenn wir Koebners „Text“ analysieren; wir beschreiben und erklären, wie Koebner spricht und erklärt: Koebner erklärt, wodurch die Krise zustande kommt; Koebner weist Nathans Einschätzung des Tempelherrn zurück; Koebner setzt sich mit dem möglichen Einwand auseinander, dass der Gang des Tempelherrn zum Patriarchen seiner These von der Hinwendung zum Islam widerspreche… Wenn wir Koebners Gedanken analysieren, ist Koebners Aufsatz für uns „der Text“.

Modell der Analyse:

2. Ebene über Lessings Text:
Wir besprechen (beschreiben, erklären), was Koebner in seinem Aufsatz gedanklich tut. Sein Aufsatz ist für uns „der Text“.

1. Ebene über Lessings Text:
Koebner bespricht (beschreibt, erklärt), was die Figuren in Lessings Drama tun. Lessings Drama ist für ihn „der Text“. – Er wendet sich an potenzielle Leser und Erklärer, die auf dieser Ebene ihm widersprechen könnten, und setzt sich mit ihren möglichen (oder tatsächlich ausgeführten Einwänden) auseinander. [Hier geht die Besprechung in „Wissenschaft“ über, wenn solche Auseinandersetzungen bestimmten Normen entsprechen.]

Ebene des Geschehens: Lessings Text
Die elementare Ebene, um deren Verständnis es letztlich geht, ist das in Lessings Text festgehaltene und von dort aus zu realisierende (Spiel)Geschehen des Dramas. Wenn wir uns mit Koebner auseinandersetzen, werden wir im Prinzip auf diese Ebene blicken und unsere Erklärungen mit denen Koebners und anderer kompetenter Erklärer vergleichen, sie argumentativ voneinander abgrenzen usw. – letztes Kriterium unserer Erklärungen kann immer nur das „bessere“ Verständnis von Lessings Text, also vom Dramengeschehen sein, auch wenn es auf der 1. Ebene über Lessings Text anerkannte Erklärer geben mag.

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2. Ebene über Lessings Text: unser Denken, unser Unterricht „heute“;

1. Ebene über Lessings Text: (z.B.) Thomas Koebner: Nathan der Weise. Ein polemisches Stück? In: Lessings Dramen. Stuttgart 1987, S. 177/79;

Ebene des Geschehens: [Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise. Ein dramatisches Gedicht, 1781] darin das fiktive Geschehen: ein Tag in Jerusalem, Ende des 12. Jh.

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Um die Idee noch einmal anders zu formulieren, möchte ich an Harald Weinrichs Unterscheidung „erzählen – besprechen“ (siehe hier) erinnern: Wir können das, was in Jerusalem an einem Tag Ende des 12. Jahrhunderts geschehen ist, erzählen (Präteritum); man kann es aber auch besprechen (Präsens). Im Präteritum erzählend blickt man auf ein vergangenes Geschehen zurück; im Präsens besprechend sucht man gültig (Das ist entscheidend für die Wahl des Präsens!) zu verstehen, was geschieht. – Hier ist das tiefere Verständnis der Tempusformen an die sprachlichen Handlungen des Erzählens und des Besprechens gebunden. Wer sich genauer informieren will, soll in der Maschine die Suchworte „Weinrich besprechen erzählen“ eingeben. Mehr...

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