Balladen in Kl. 7 – über didaktische Fiktionen

In Klasse 7 liest man am Gymnasium gern Balladen, vor allem deshalb, weil sie in den Arbeitsbüchern stehen und weil man das immer so gemacht hat. [Ich habe öfter in Klasse 11 eine U-Reihe „Balladen“, beginnend mit „Lenore“, gehalten, das nur am Rande gesagt.] Was sollen die Schüler an Balladen lernen, wozu sollen sie Balladen lesen?
Die Eigenart der Gedichtform Ballade ist, wenn Goethe Recht hat, eine Verbindung epischer, lyrischer und dramatischer Momente; diese Eigenart sollte man vielleicht auch herausarbeiten, das wäre keine schlechte Idee. Die lyrischen Elemente könnte man kurz berühren, falls man in Kl. 5/6 Gedichte gelesen hat, und den Akzent stärker auf die dramatischen Elemente setzen.

Was macht Cornelsens „Deutschbuch (Neue Ausgabe) 7“ daraus? Dieses Buch ist von lauter erfahrenen Didaktikern gemacht, in der Preisklasse Fachleiter. Zu Möricke: Die traurige Krönung, sollen die Schüler mal eben ein Filmdrehbuch schreiben (S. 235); dafür dürfen sie Goethe: Der Zauberlehrling, in ein szenisches Spiel umsetzen, am besten als Schwarzlichttheater (S. 239), und so geht das voller didaktischer Fantasie weiter; variatio delectat, aber – mal ganz praktisch gefragt – bereitet man so die Schüler auf eine Klassenarbeit vor? Und wozu sollen die Schüler Drehbücher schreiben können (wenn sie es denn können)?

Dagegen setze ich jetzt die Realität. Ich habe mit einem normalen Schüler aus Klasse 7 Goethe: Der Zauberlehrling, bearbeitet; er musste (das war die von seinem Lehrer gestellte Hausaufgabe) zu jeder Strophe notieren, wie der Zauberlehrling sich fühlt. Wir haben Strophe für Strophe besprochen und sind dabei auf eine Menge schwer verständlicher Wörter und Wendungen gestoßen, die ich hier festhalte:
Goethe: „Der Zauberlehrling“ – Erläuterungen zu Vers
4 nach meinem Willen: es spricht der Zauberlehrling;
6 merkt ich: merkte ich mir;
6 Brauch: wie er das gewöhnlich gemacht hat;
9 walle: gehe (heute noch: Wallfahrt);
10 manche Strecke: (unbestimmt:) Wege
11 zum Zwecke: du dem von mir gewollten Zweck (ein Bad zu nehmen)
16 nimm die Lumpenhüllen: unklar, vermutlich: ziehe dich an;
22 Wassertopf: siehe Vers 29!
29 läuft zum Ufer: damals gab es keine Wasserleitung;
30 wahrlich: tatsächlich, wirklich (vgl. „seht“, V. 29);
32 mit raschem Gusse: mit dem rasch geholten Wasser;
34 Becken schwillt: das Wasser im Becken steigt, schwillt an;
39 f. deiner Gaben vollgemessen: Wort und Genitivkonstruktion sind ungebräuchlich; etwa: das Maß deiner Gaben ist voll;
42 das Wort: das Zauberwort fürs Aufhören;
49 hundert Flüsse: vieles, was fließt („Fluss des Wassers“);
52 lassen: zulassen;
57 Ausgeburt: (Schimpfwort:) als wäre jemand nicht von oder aus einer menschlichen Mutter geboren;
59 Schwelle: früher Fußbodenbalken einer Zimmertür (heute: bei Eisenbahnschienen)
61 verrucht: verbrecherisch, verworfen (achtlos gegenüber dem, was heilig ist) – hat nichts mit „riechen“ zu tun, sondern kommt vom mhd. Verb „ruochen“ (sich um etwas kümmern, Sorge tragen);
65 f. (etwa) Willst du es am Ende gar nicht sein lassen?
74 Schärfe (des Beiles): das scharfe Beil;
75 brav: gut;
84 hohe Mächte: starke Geister(mächte)
93 die Anführungszeichen: Jetzt spricht der Meister;
95 Seid‘s: er spricht zwei Besen an.
Dann haben wir über die Gefühle des Zauberlehrlings gesprochen, die treffenden Wörter gesucht und schriftlich festgehalten, schließlich noch „wallen“ im Etymolog. Wörterbuch nachgeschlagen – meine Erklärung zu „verrucht“ war in der mündlichen Erklärung übrigens falsch, ich hatte es gefühlsmäßig von „riechen“ abgeleitet (analog: im Geruch der Heiligkeit stehen). Abschließend haben wir das sinnvolle Lesen geübt. – Dafür haben wir insgesamt rund 65 Minuten gebraucht, im Einzelunterricht.

Von den Schwierigkeiten, die ein normaler Schüler mit der Ballade hat, ist im Arbeitsbuch von Cornelsen nicht die Rede; sie sind auch in der Planung dort nicht vorgesehen – da erfasst man gleich die ganze Ballade mit einem Sprichwort (zusammen zwei Probleme: Doppelt genäht hält besser!) und begibt sich dann an die wirkungsvolle Inszenierung mit Schwarzlicht. Da kann ich nur fragen: In welcher Welt leben eigentlich die Lehrbuchmacher? Wann haben sie zum letzten Mal mit einem lebendigen Schüler gesprochen (und nicht nur über Zauber-Schau-Stunden von Referendaren gebrütet)?
Ich empfehle die Lektüre des Interviews mit Oliver Bierhoff, Manager der Fußball-Nationalmannschaft (also nicht der Schülermannschaft!), in der SZ vom 17. Nov. 2007. Dort sagt Bierhoff u.a.:
1. „Wir müssen unsere jungen Spieler auf intelligente Weise mehr belasten und noch mehr fordern.“ [Adverbial: auf intelligente Weise]
2. (Über das Training in Italien, Spanien, England:) „Dort trainieren sie mit hoher Intensität, bis die geübten Dinge zur Gewohnheit werden.“
3. „Du musst eben bereit sein, mit Hingabe solche Basics zu üben. (…) Das ist langweilig, aber: Repetition ist the mother of skills, wie das so schön heißt.“
Von Bierhoff lernen heißt siegen lernen; wir sollten die Lehrbuchmacher, die teilweise vermutlich auch die Abituraufgabenmacher sind, einmal zu Bierhoff schicken, damit sie endlich von ihren didaktischen Fiktionen lassen und sich auf normale Schüler einstellen! Das Lehrbuch hilft an dieser Stelle „wahrlich“ keinem jungen Kollegen, vernünftigen Untericht zu machen.
Vielleicht hängen die utopische Didaktik der Lehrbücher und die Tatsache, dass sich „unten“ nichts oder nur wenig ändert, zusammen?

Kleiner Nachtrag zu den Vorschlägen, was man produzieren kann:
Aus Goethes „Erlkönig“ soll ein kleines Hörspiel gemacht werden (S. 240), wobei natürlich „Nacht und Wind“ vertont werden müssen – dabei liegt die Dramatik (anders als bei „Der Knabe im Moor“) nicht in den Geräuschen als solchen, sondern in der Wahrnehmung des Erlkönigs [wie man „Nacht“ vertont, ist mir ohnehin unklar]; das macht aber nichts, es soll ja ein Hörspiel gemacht werden, und dazu müssen dann „auch die Geräusche, die das Pferd macht,“ in die Darstellung einbezogen werden – von solchen Geräuschen ist im Text aber nicht die Rede, die werden um des Hörspiels willen erfunden, auch wenn sie bedeutungslos sind!
Wenn ich Schüler wäre, würde ich hierzu sagen: „Das Pferd furzt.“ Dann wäre die Stunde gelaufen.
Von den realen Schwierigkeiten des Verstehens („bergen, dich warten, nächtlicher Reihn, grausen“; den Ort des Geschehens identifizieren) ist im Lehrbuch wieder nicht die Rede. Sollte man die Schüler nicht eher ein deutsches Wörterbuch benutzen als ein Hörspiel produzieren lassen?

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One thought on “Balladen in Kl. 7 – über didaktische Fiktionen

  1. Lieber Norberto,

    Ihre Bemerkungen sind mir aus der Seele gesprochen! Das gilt übrigens für fast alle Ihre Überlegungen, denen man anmerkt, dass sie auf großer Erfahrung und Verständnis für das Fach Deutsch beruhen. An meiner Schule ist auch das „Deutschbuch“ im Einsatz, und ich ärgere mich oft genug über Aufgabenstellungen, die zu nichts führen, völlig unrealistisch sind oder unverbindliches Gerede in Gang setzen – also mithin eines nicht leisten: das Verstehen fördern!!
    Es sei mir erlaubt, an dieser Stelle auf ein Lehrwerk hinzuweisen, von dem ich mich schon häufiger habe inspirieren lassen. Ich meine „Praxis: Sprache & Literatur“, das von Wolfgang Menzel verantwortet wird (und im Westermann-Verlag erschienen ist). Beispiel: Einführung in die Lyrik-Behandlung in Band 6 – hier ist fast jede Aufgabenstellung brauchbar und sinnvoll.

    Mit Dank und kollegialen Grüßen
    Heijo Eck

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