60. Geburtstag eines Nachbarn

Engel:

Rainer, lieb’ Geburtstagskind,

nein, wie schnell die Zeit verrinnt.

Will nicht in meinen Kopf hinein:

60 sollst du jetzt schon sein?!

Hast dich wahrlich gut gehalten,

zählst noch lang nicht zu den Alten.

Jeder sieht es offenbar,

du wirst sicher 100 Jahr.

Teufel:

Rainer, du Geburtstagskind –

ach, die Zeit verrinnt geschwind!

60 Jahre sind vertan,

und das sieht man dir auch an.

Die Jugend nennt dich altes Eisen,

das Gegenteil willst du beweisen.

So kriegst du noch ’ne Menge Trouble,

bevor du abgibst deine Gabel.

Engel:

Das Antlitz männlich und apart,

es macht dich reif und wirkt doch zart.

Kühn die Nase, scharf der Blick,

stolz das Haupt auf dem Genick;

im Gesicht noch straffe Haut,

überm Ohr dezent ergraut.

Teufel:

Dein Gesicht beherrscht der Zinken,

nach dem Klo sieht man dich hinken;

und die vielen Krähenfüß’

wirken wirklich nicht mehr süß!

Runzelig wird das Gesicht,

in die Knochen zieht die Gicht!

Engel:

Den Frau’n gefällst du nach wie vor,

attraktiv von Zeh’ bis Ohr,

wie sie auch zu lieben scheinen

den Elan in deinen Beinen.

Teufel:

Auch frische Farb’ am grauen Schopf

macht lange keinen jungen Kopf.

Das Rückgrad sich verbiegen tut,

man sieht’s genau: Dir geht’s nicht gut!

Engel:

Du meidest allzu viel Promille,

den Wein genießt du in der Stille;

nichts entgeht dem wachen Ohr,

alles trägst du mit Humor.

Teufel:

Du verträgst kaum noch Promille

brauchst zum Lesen eine Brille.

Kaum ein Laut dringt mehr ganz vor

an das langsam taube Ohr.

Engel:

Was jeder wünscht, ist dir beschieden:

ein trautes Heim in Glück und Frieden.

Teufel:

Täglich flippst du dreimal aus,

sehnst dich nach dem Irrenhaus.

Engel:

Auch ziemlich sexy sollst du sein:

Die Gattin springt als Zeugin ein.

Im Liebesleben emsig, fleißig,

gerade so, als wärst du 30!

Teufel:

In der Liebe kein Verlangen –

deine Gattin muss schon bangen.

So nähert sich mit Vehemenz

das Ende männlicher Potenz.

Engel:

Richte deinen Lebenssinn

ruhig auf die Zukunft hin!

60 ist doch noch kein Alter,

du bist frisch noch wie der Walter.

Sollst dich langsam vorbereiten

auf den Frühling, deinen zweiten.

Teufel:

60 bist du, sechs mal zehn!

Kannst bald nicht mehr richtig geh’n.

Frühling wird’s, doch dir wird kälter,

täglich wirst du alt und älter.
Langsam nähert sich dein End’,

Zeit wird’s für dein Testament.

Engel:

Hier beim 60er Gelage,

heut’ an deinem Jubeltage,

wünschen alle deine Gäste

dir von Herzen nur das Beste.

Teufel:

Alle, die hier mit dir trauern,

voller Falschheit dich bedauern,

heucheln Freundschaft, währenddessen

saufen sie und wollen fressen!

Engel:

Bleibe froh und glaub getrost

an die Zukunft: Rainer, Prost!!

Teufel:

Bleibt auch dir nur noch der Trost

in der Flasche: Alter, Prost!!

(Vorlage ursprünglich hier, dann http://www.festpark.de/g306.html, g242 und ähnliche; von mir ein bisschen gekürzt und sprachlich leicht überarbeitet), vgl. auch http://norberto42.gedicht-zum-60.-70.-75.-80.-85.-90.-geburtstag und die „Rede zum Geburtstag“!

P.S. Dieser Tage hatte ich eine Idee für eine Rede zum 60. Geburtstag: „60 ist eine runde Sache, wie man auf der Uhr sehen kann: In 60 Minuten geht der Zeiger einmal rund.“ Das Runde kann man dann auf den Gratulanten zuschneidern: Du hast alles erlebt, warst Enkel und Sohn (Tochter), hast Kinder und Enkel (evtl.) …“ Man kann das Verhältnis Minuten/Stunde auch für gute Wünsche nutzen: „Die erste Stunde ist um (60 min), die zweite kriegst du nur teilweise: Wir wünschen dir … Und du wirst wissen, dass jede einzelne neue ‚Minute‘ kostbar ist und wirst dafür dankbar sein, vielleicht sogar für die ‚Sekunden‘, die Momente unscheinbaren Glücks …“

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