Verunglückte Rezeption der Klassiker in der Schule

Um ein Beispiel für die verunglückte Rezeption der Klassiker in der Schule zu zeigen, zitiere ich eine Aufgabenstellung zum Gedicht „Der Kirschdieb“, die ich [im Zusammenhang mit einem kleinen Aufsatz von E. Kuhlmay] im Netz gefunden habe, als ich mich mit der Analyse von Brechts Gedicht beschäftigte: „Die Schueler betrachten anhand der Gedichte ‚Der Kirschdieb’ (B. Brecht) und ‚Inserat’ (T. Storm) Entstehung und Loesung menschlicher Konfliktsituationen (Obstdiebstahl) und lernen Ironie als Stilmittel kennen.“

Dazu ist zu sagen, dass beide Gedichte keine menschlichen Konfliktsituationen behandeln: Der Ich-Erzähler Brechts ist weit von einem Konflikt entfernt, der Sprecher Storms billigt offensichtlich (notgedrungen? Man weiß es nicht, man kennt die Situation überhaupt nicht!) den Diebstahl und möchte nur größeren Schaden verhindern. Aber anscheinend muss bei der Lektüre von Gedichten etwas fürs Leben herauskommen, eine praktische Nutzanwendung, „was will uns der Dichter sagen“: Ja, dann denken wir alle einmal ganz angestrengt nach, dann finden wir bestimmt etwas, was der Dichter uns sagen will – wäre ja gelacht, wenn wir nichts fänden! Ironie finde ich übrigens in keinem der beiden Gedichte, bei Theodor Storm dagegen Humor. Was würde der erst dichten, wenn er solche Aufgabenstellungen läse!

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2 thoughts on “Verunglückte Rezeption der Klassiker in der Schule

  1. Guten Abend Norberto 42,

    es ist an der Zeit über diese grandiosen Seiten, in denen ich seit Jahren mit wachsender Begeisterung lese, etwas zum Ausdruck zu bringen. Einfach, weil sie so unglaublich bereichernd sind, aber auch, weil der Autor so fundiert, zum Teil so erfrischend anders und kackfrech fundiert Meinung von sich gibt.
    Ich stöbere vor allem gern in den Beiträgen zum Fach Deutsch herum. Es hat mir schon viel Recherche erspart und mir ganz neue Arten der Perspektive ermöglicht.
    Danke für diese Leistung, den spürbaren Spaß an der Materie und das Interesse sich so mitzuteilen.

    Me

    • Liebe Ulrike Ketscheg,

      ein solcher Kommentar ist Balsam für die Seele, vielen Dank! Ich finde mich mit den drei Attributen „fundiert, erfrischend anders, kackfrech“ adäquat gewürdigt. Und ich freue mich, dass es Leute gibt, die meine Seiten mit Gewinn lesen.

      N.T.

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