„Einen neuen Aufbruch wagen“ – semantisch-politische Analyse

So lautete das Motto des Katholikentags 2012, der im Mai in Mannheim stattfand. Angesichts des langanhaltenden Bremsvorgangs, den Papst Benedikt durchsetzt, ist das Motto objektiv ein Witz.

Mit geht es hier aber nur um die nebulöse Semantik solcher Mottos. Da ist erstens Verbform „wagen“, ein Infinitiv, der völlig unbestimmt ist: Wer wagt denn etwas? Wer will etwas wagen? Zweitens ist die Unbestimmtheit des „Aufbruchs“ bemerkenswert: Wohin soll denn aufgebrochen werden? Nirgendwohin offensichtlich: „Aufbruch“ ist gegenüber „Stillstand“ positiv besetzt, Aufbruch ist besser als Stillstand – Hauptsache man ist in Bewegung (oder auch: in der Bewegung?). Aufbruch wagen: Wer soll es tun, und vor allem: Wie, wann und wo soll das geschehen? Und woran kann man erkennen, dass tatsächlich alle oder hinreichend viele aufgebrochen sind? In meinem Referendariat habe ich gelernt, dass (Lern)Ziele nur dann etwas sagen, wenn man sie operationalisiert (also Kriterien dafür angibt, dass sie tatsächlich erreicht sind) – andernfalls beschreiben sie Luftschlösser oder fromme Wünsche…

Solche leere Positiv-Semantik wie die des genannten Mottos erzeugt nur ein schönes Gefühl und täuscht darüber hinweg, dass sich nichts ändert; das hat bereits der Mann in Peter Bichsels Erzählung „Ein Tisch ist ein Tisch“ erfahren, als er für alles neue Wörter erfand und sich daran erfreute: Es änderte sich nichts, aber die anderen Leute verstanden ihn nicht mehr – diese Gefahr bedroht auch die unentwegt aufbrechenden Katholiken.

Genauso unbestimmt ist das Attribut „neu“: An welche anderen Aufbrüche denken wohl die Erfinder des Mottos, sofern sie überhaupt daran denken und sich nicht mit der positiven Konnotation von „neu“ begnügen? Wenn man den neuen Aufbruch in eine Reihe anderer Aufbrüche gestellt hätte, dann wäre zu erkennen, welche Qualität der neue Aufbruch haben sollte, in welche Richtung er zielte. Aber das isolierte „neu“ ist nur schön, nichtssagend schön, genau wie ein Aufbruch ohne Ziel.

Die Neue Osnabrücker Zeitung berichtete:

Aufbruch, überall Aufbruch. Häufig ist davon die Rede auf dem Mannheimer Katholikentag. Das Motto des Treffens „Einen neuen Aufbruch wagen“ kommt vielfach zur Sprache. „Wir sehnen uns nach einem Aufbruch zu einer menschlicheren, gerechteren und friedlicheren Welt“, betont etwa der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch. (…) Kirchliche Reformgruppen bezweifeln, dass der Katholikentag wirklich einen Aufbruch bringen wird. Papst Benedikt XVI. dagegen betont in einer Grußbotschaft: „Wahrer Aufbruch besteht im Gehorsam und Vertrauen gegenüber Gott.“(http://www.noz.de/deutschland-und-welt/politik/64058045/1905-ein-katholikentag)

Schön gesagt, lieber Benedikt, aber was heißt das konkret? Nichts. Oder eben das, was Benedikts Nuntius am 16. Mai 2012 beim Empfang der Konrad-Adenauer-Stiftung gesagt hat: Dialog führe zum Streit, aber der mache „alles kaputt“ und sei „der Beginn einer Revolution“ (SZ 18.05.2012, S. 5). Haltet’s Maul, liebe Katholiken, euer römischer Vater weiß, was euch frommt!

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