Analyse politischer Reden im Deutschunterricht

Die Analyse politischer Reden im Deutschunterricht ist, wenn ich mich recht erinnere, um 1970 aufgekommen [z.B. Theodor Pelster: Rede und Rhetorik, Verlag Schwann 1972; dazu das Quellenheft „Reden Redesituationen, Redekritiken“, 1980; „Politische Reden in Deutschland“, hrsg. von Horst Grünert, Verlag Moritz Diesterweg 1974]. Es war ein „linkes“ Projekt, dessen Ziel darin bestand, die Schüler durch rhetorische Analysen gegen rechtes Gedankengut zu immunisieren. Seit dieser Zeit sind viele politische Reden analysiert worden, ist die Rhetorik zu einem ganz neuen Recht im Deutschunterricht gekommen, wie denn auch die Linguistik sich in den germanistischen Fakultäten zu etablieren begann und teilweise in den Deutschunterricht einsickerte. Ich selbst habe ebenfalls entsprechende Unterrichtsreihen durchgeführt (siehe links die Kategorie „Rhetorik und Argumentation“!).

Nun weiß man seit langem, dass politische Reden, etwa die im Bundestag, für die Abstimmung völlig irrelevant sind, dass sie also mehr der Selbstdarstellung einer Partei vor dem Parlament und dem Volk dienen als der Werbung um Zustimmung des politischen Gegners (das gilt auch für die Reden einzelner Abgeordneter, die ausdrücklich begründen, warum sie nicht mit ihrer Partei stimmen – sie bewegen auch keinen Linientreuen zum Abfall von der Parteilinie). In seinem Artikel „Wahlen nach Zahlen“ (SZ, 7. November 2012) hat Jan Füchtjohann über viele neuere Forschungen berichtet, die zum Ergebnis führen, „dass die Bedeutung politischer Reden [für den Wahlerfolg oder die Anerkennung amerikanischer Präsidenten] seit Jahren systematisch überschätzt wird“. Füchtjohann meint, die Politik [besser: die Politiker] handle selbst immer rationaler [was ich bezweifle], der Bürger dagegen werde „zunehmend zum irrationalen Meerschweinchen, mit dem es sich nicht mehr zu sprechen, geschweige denn zu argumentieren lohnt“. Eine Lösung für diese Aporie weiß er auch nicht.

Was mich hier interessiert, ist die Konsequenz für den Deutschunterricht: Auf die Analyse politischer Reden kann man getrost verzichten, wenn man Schüler vor rechtem Gedankengut bewahren will – dazu sollte man ihnen vielleicht bessere schmissige aufklärerische Songs präsentieren. Es gibt allerdings einige Reden, etwa die von Otto Wels zum 23. März 1933, die Schüler einmal gelesen haben sollten – um den aufrechten Charakter dieses Mannes und der damaligen SPD kennenzulernen; doch auch Wels ist es nicht gelungen, einen einzigen bürgerlichen Angeordneten dazu zu bewegen, gegen das Ermächtigungsgesetz zu stimmen. Aufklärung ist halt eine schwierige Sache, da der Mensch nicht wesentlich aus seiner Vernunft lebt.

Meine Analysen politischer Reden findet man in der Kategorie „Rhetorik und Argumentation“, links oben.

Advertisements