Schulversagen, Politik, Zahlen

Unter der Überschrift „Das Absteiger-System“ berichtete die SZ am 31. Oktober 2012 über eine Statistik der Bertelsmann-Stiftung, welche für das Schuljahr 2011/12 erfasste, wie viele Schüler den Aufstieg in eine höhere Schulform geschafft haben und wie viele relativ dazu den Abstieg in eine niedere Schulform hinnehmen mussten; es ging also nur um diese Relation, nicht um  absolute Zahlen und vor allem nicht um die Gründe, die den Schulformwechsel veranlasst hatten. Dieses Zahlenverhältnis Aufsteiger/Absteiger schwankte von 1:10,3 (Niedersachsen) bis 1:0,9 (Bayern). Für den extrem günstigen bayerischen Wert wurde als Ursache angeführt, dass in Bayern die Anforderungen für den Übergang aufs Gymnasium besonders streng sind; deshalb versagen dort am Gymnasium relativ wenige Schüler, während relativ viele später noch den Übergang zum Gymnasium schaffen.

Es bleibt festzuhalten, dass die Gründe des relativ häufigen „Scheiterns“ in der Schulkarriere im Dunkeln bleiben. Stattdessen beklagt Jörg Dräger, „Bildungsexperte im Vorstand der Stiftung“, das ungünstige Verhältnis der Zahlen: Das Problem des Abstiegs sei die Frustration und Demotivation der Schüler; zu selten werde geprüft, ob ein Kind den Aufstieg schaffen könne. Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle lobte hingegen das Schulsystem seines Landes als offensichtlich erfolgreich.

Sowohl die Klage Drägers wie das Selbstlob Spaenles und erst recht die Überschrift „Das Absteiger-System“ sind populistisch und führen die Öffentlichkeit in die Irre. Drei Fragen müssten geklärt werden, ehe man klagt oder sich selber lobt:

  1. Wie verteilen sich die Kinder eines Jahrgangs nach der Grundschule auf die verschiedenen Schulformen? Wechseln in einem Bundesland also relativ wenige (20 %) oder relativ viele (60 %) aufs Gymnasium? Und nach welchen Kriterien wechseln sie – bloß nach dem Wunsch der Eltern, aufgrund einer Empfehlung der Schule oder nach einer Prüfung? Denn wenn viele, erst recht viele nur nach dem Wunsch der Eltern aufs Gymnasium wechseln, muss man damit rechnen, dass einige davon nicht hinreichend für diesen Schultyp begabt sind.
  2. Warum schaffen die „Absteiger“ es nicht, sich an ihrer Schulform zu behaupten?
  3. Welche Kinder schaffen später noch den Übergang auf eine höhere Schulform? Und warum schaffen sie diesen Übergang? Und warum schaffen das nicht mehr Kinder? Die bloßen Formeln von individueller Förderung oder Durchlässigkeit der Systeme besagen nicht viel.

Es fällt auch auf, dass weder absolute Zahlen der sogenannten Absteiger noch die Relation der Absteiger zum ganzen Jahrgang genannt werden: Wenn 20 %  von 470.206 Schülern in Niedersachen pro Jahr im Schulsystem absteigen, sind das relativ viele; dann wäre das System in der Tat ein „Absteiger-System“. Wenn aber nur 2 % von 470.206 Schülern in einem Jahr „absteigen“, kann man nicht mehr von einem Absteiger-System sprechen.

Die Statistik der Bertelsmann-Stiftung (und damit auch der Bericht der SZ) ist wie so viele Äußerungen zur Schulpolitik im Wesentlichen populistisch-politisch: Es wird suggeriert, dass „das Schulsystem“ weithin versagt, damit man eigene schulpolitische Forderungen als Rettungsmaßnahmen vortragen kann. Über die Gründe, warum Schüler scheitern, und über die Möglichkeiten und Bedingungen der Förderung eines jeden Kindes („Jedes Kind müsse in seiner Schule gefördert werden.“) bzw. eines Schulformwechsels (der ist überflüssig, wenn jedes Kind in seiner Schule gefördert wird!) schweigt sich Roland Preuss, der Autor des Artikels aus. Wohlgemerkt: auch über die Möglichkeiten einer Förderung – es gibt nämlich eine Reihe von Kindern, die können aufgrund ihrer häuslichen Verhältnisse in einer normalen Schule überhaupt nicht gefördert werden; aber über solche Familien wird nicht unter der Überschrift „Schule“ berichtet.

Der Bericht (resp. die Statistik der Stiftung) zeigt zugleich, wie man politisch mit Zahlen operieren kann: Es werden ungünstige Relationen berichtet, eventuell günstige Relationen jedoch verschwiegen; wie groß die fraglichen Mengen sind, wird nicht mitgeteilt – so kann man als Leser nicht beurteilen, ob die ungünstigen Relationen überhaupt einen Aussagewert besitzen oder nicht. Vermutlich soll man das auch nicht erkennen können – schließlich will die Bertelsmann-Stiftung Politik machen. Die SZ sollte sich aber so einer solchen Berichterstattung nicht hergeben.

P.S.

Am 5. November berichtete die SZ (S. 32) über Kritik der Fachwissenschaftler an der sogenannten Absteiger-Studie. Maßstab der Durchlässigkeit des Schulsystems sei nicht der Aufstieg in Kl. 5-10, sondern die Möglichkeit, auch nach dem Abschluss der Hauptschule oder Realschule das Abitur zu machen, sagte Prof. Ulrich Trautwein. In BW besuche jeder dritte Realschüler nach seinem Schulabschluss das Berufliche Gymnasium mit dem Ziel, Abitur zu machen; das sei vorbildlich. Außerdem rechnet Trautwein damit, dass Schüler an einer Schulform wirklich überfordert sein können – dann sei ein Wechsel gut, auch wenn die Eltern ihn vielleicht als demütigend empfinden. – Fazit: Hier sprach der fachliche Sachverstand gegen politisches Geplärre.

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