Zentralabitur Deutsch NRW 2012 – 2. Thema Lk

2. Thema (Günther / Heine)

Aufgabenstellung:

Analysieren Sie das Gedicht „Die verworffene Liebe“ von Johann Christian Günther. Berücksichtigen Sie dabei die Haltung des lyrischen Ich zu Liebe und Leidenschaft. Erläutern Sie, inwiefern es sich um ein Barockgedicht handelt.

Erschließen Sie vergleichend das Gedicht Nr. XVIII aus dem „Lyrischen Intermezzo“ von Heinrich Heine und deuten Sie Ihre Ergebnisse vor dem literaturhistorischen Hintergrund der beiden Gedichte.

(So in Neue Westfälische vom 18. 04. 2012: http://www.nw-news.de/lokale_news/bielefeld/bielefeld/6605551_Abi-Auftakt_ohne_Internet.html)

Text des 1. Gedichts: http://www.deutsche-liebeslyrik.de/gunther.htm#g5 (Kritische GA 1964, mit Biografie) oder

http://www.gedichte-fuer-alle-faelle.de/allegedichte/gedicht_741.html (modernisiert)

http://www.hausderdeutschensprache.eu/index.php?option=com_content&task=view&id=155&Itemid=9 (Rechtschreibung der Entstehungszeit, mit Biografie)

http://www.zeno.org/Literatur/M/G%C3%BCnther,+Johann+Christian/Gedichte/Gedichte/Liebesgedichte+und+Studentenlieder/Leonore+…/Die+verworfene+Liebe (Ausgabe 1930)

Text des 2. Gedichts: http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/BdL/Lyr-18.html

Kommentar:

Es fällt auf, dass die Beschreibung des „Inhalts“ ausdrücklich neben der Analyse der Form gefordert wird; ein solche Aufgabenstellung verführt dazu, die Form auf bloß formale Elemente zu reduzieren – andernfalls wäre die gesonderte Darstellung des Inhalts nicht nötig. [Vgl. zur Problematik des Begriffs „Aufbau des Gedichts“ meinen kleinen Aufsatz https://norberto68.wordpress.com/2012/03/06/was-heist-den-aufbau-des-gedichts-beschreiben/; das Defizit im Hintergrund ist wie üblich die Tatsache, dass Inhalt und Form nicht an den Sprecher und sein sprachliches Handeln gebunden werden, sondern vermeintlich eigenständige Größen sind!]

Problematisch ist die Teilaufgabe: erläutern, inwiefern es sich um ein Barockgedicht handelt. Einmal ist schlicht höchst unklar, was „ein Barockgedicht“ ist, wenn man hinreichend viele dieser Gedichte kennt (vgl. z.B. die zweibändige Sammlung „Wir vergehn wie Rauch von starken Winden“, 1985); zweitens sind die Merkmale von Barockgedichten im Standardwerk „Texte, Themen und Strukturen“ (2009, S. 249 ff.) nur dürftig umschrieben.

Über den Aufbau des Gedichts kann man streiten; ich halte sowohl einen zwei- (Str. 1 – 4 / 5) wie auch einen dreiteiligen Aufbau (Str. 1 / 2 – 4 / 5) zu erkennen für möglich, weil der Sprecher in Str. 1 die selige Freiheit erst herbeiruft, während er in Str. 2 bereits über die vernünftige Sicht verfügt.

Str. 3 ist schwer zu verstehen; ich halte es für möglich, dass in V. 17/18 vom Gleichen die Rede ist, einmal in der „alten“ Sicht (V. 17), dann in der neuen Sicht: Das schöne Kleinod, die Frau, hat sich wesentlich durch Falschheit ausgezeichnet; fast alle Ausgaben haben hinter V. 16 nämlich einen Punkt.

Str. 4 wird man kaum als an sich gerichteten Appell des lyrischen Ichs verstehen können; die Strophe beginnt mit einer Anrede an die „Schönheit“, also an die Schöne, wie die Str. 5 damit endet. „Streich“ (V. 22) müsste man eigentlich erklären, da die ursprüngliche Bedeutung „Schlag, Hieb“ heute altertümlich wirkt (sieben auf einen Streich) und im Rechtschreib-Duden kein Hinweis auf die alte Bedeutung steht.

„Erschließen Sie vergleichend …“ ist eine unklare Aufgabenstellung: Das kann heißen, dass man die Analyse des 2. Gedichts in steter Konfrontation mit dem 1. Gedicht vornimmt, es kann aber auch heißen, dass man zuerst das 2. Gedicht analysieren und dann mit dem 1. vergleichen soll.

Vergleich: So groß sind die Unterschiede zwischen den Gedichten nicht, finde ich; bei Heine spricht auch kein als Individuum greifbares Ich [es sind die gleichen Klischees wie im barocken Gedicht „Vergänglichkeit der Schönheit“!], und ob Heines (schwaches) Gedicht als postromantisch zu charakterisieren ist und kritisch auf das Konzept romantischer Liebe blickt, ist mindestens diskutierbar, wenn nicht mehr als zweifelhaft.

„vor dem literaturhistorischen Hintergrund deuten“ stellt für das 1. Gedicht eine Doppelung dar, da man dessen barocken Charakter schon erklärt hat; der letzte Teil der 1. Teilaufgabe wäre also arbeitsökonomisch gesehen einfach zu streichen.

Fazit: Angemessene Anforderung für den Leistungskurs; die Aufgabenstellung könnte man verbessern, die Lösungserwartung ebenso.

Streich zunächst 1 Schlag (Backenstreich), 2 etwas unerwartet Unternommenes (Handstreich), 3 Neckerei, Schabernack (Studentenstreich) [Hermann Paul: Deutsches Wörterbuch, 2002 – hier sieht man den Unterschied zwischen einem richtigen Wörterbuch und dem unzureichenden „Wörterbuch“ Duden: Rechtschreibung!]

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