Was heißt: den Aufbau des Gedichts beschreiben?

Am Beispiel des Gedichtes „Vergänglichkeit der Schönheit“ möchte ich klären, was man unter dem Aufbau eines Gedichtes versteht. Ich gebe zunächst drei verschiedene Formen wieder, in denen das Gedicht heute dargeboten wird:

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau (1617–1679)
Vergänglichkeit der Schönheit (1695)
Es wird der bleiche tod mit seiner kalten hand
Dir endlich mit der zeit um deine brüste streichen /
Der liebliche corall der lippen wird verbleichen;
Der schultern warmer schnee wird werden kalter sand /
Der augen süßer blitz / die kräffte deiner hand /
Für welchen solches fällt / die werden zeitlich weichen /
Das haar / das itzund kan des goldes glantz erreichen /
Tilgt endlich tag und jahr als ein gemeines band.
Der wohlgesetzte fuß / die lieblichen gebärden /
Die werden theils zu staub / theils nichts und nichtig werden /
Denn opfert keiner mehr der gottheit deiner pracht.
Diß und noch mehr als diß muß endlich untergehen /
Dein hertze kan allein zu aller zeit bestehen /
Dieweil es die natur aus diamant gemacht.

Vergänglichkeit der Schönheit
…Es wird der bleiche tod mit seiner kalten hand
Dir endlich mit der zeit um deine brüste streichen /
Der liebliche corall der lippen wird verbleichen;
…Der schultern warmer schnee wird werden kalter sand /
…Der augen süßer blitz / die kräffte deiner hand /
Für welchen solches fällt / die werden zeitlich weichen /
Das haar / das itzund kan des goldes glantz erreichen /
…Tilgt endlich tag und jahr als ein gemeines band.
Der wohlgesetzte fuß / die lieblichen gebärden /
Die werden theils zu staub / theils nichts und nichtig werden /
…Denn opfert keiner mehr der gottheit deiner pracht.
Diß und noch mehr als diß muß endlich untergehen /
Dein hertze kan allein zu aller zeit bestehen /
…Dieweil es die natur aus diamant gemacht. (Die drei Punkte sollen nicht als Punkte gelesen werden, sie markieren jeweils den Einzug der Zeile, den ich hier nicht anders darstellen kann.)

Vergänglichkeit der Schönheit
Es wird der bleiche Tod mit seiner kalten Hand
Dir endlich mit der Zeit umb deine Brüste streichen.
Der liebliche Corall der Lippen wird verbleichen;
Der Schultern warmer Schnee wird werden kalter Sand.

Der Augen süsser Blitz, die Kräffte deiner Hand,
Für welchen solches fällt, die werden zeitlich weichen.
Das Haar, das itzund kan des Goldes Glantz erreichen
Tilgt endlich Tag und Jahr als ein gemeines Band.

Der wohlgesetzte Fuss, die lieblichen Gebärden,
Die werden theils zu Staub, theils nichts und nichtig werden,
Denn opfert keiner mehr der Gottheit deiner Pracht.

Diss und noch mehr als diss muss endlich untergehen,
Dein Hertze kan allein zu aller Zeit bestehen
Dieweil es die Natur aus Diamant gemacht.

In der ersten Form besteht das Gedicht aus 14 Versen, in der zweiten ebenfalls – aber hier sind einige Verse eingerückt, sodass man auch als Ungeübter fast die Form des Sonetts erkennt (diese Form ist anscheinend die, in der das Gedicht 1695 gedruckt worden ist). Die dritte Form ist diejenige, in der heute Sonette gedruckt zu werden pflegen; sie weist 14 Verse in vier Strophen auf.
Die Form des Gedichtes „Vergänglichkeit der Schönheit“ ist offensichtlich davon abhängig, wie man es druckt: 14 Verse in jedem Fall, eventuell vier Strophen; die Reime sind zunächst umarmende Reime (bis V. 8), danach Schweifreime. Das Metrum ist ein sechshebiger Jambus.
Von der Form des Drucks unabhängig ist das, was ich die (gedankliche) Struktur des Gedichtes nennen möchte: In den ersten 11 Versen beschreibt der Sprecher, wie die Schönheit der angesprochenen Frau (Dir, ab V. 2) mit der Zeit vergehen wird (Futur); die vielen Einzelheiten fasst er in V. 12 zusammen („muss“ statt „wird“). Gegen alle diese vergänglichen schönen Züge (Kontrast) grenzt er das Herz der Frau ab: Es kann zu aller Zeit bestehen (Präsens) und wird nicht vergehen, weil die Natur es aus Diamant gemacht hat. Die (metaphorische) Diamant-Qualität des Herzens verstehe ich als Härte; dafür nenne ich als Beleg eine Stelle aus einem Gedicht Enoch Gläsers (Herbst-Freudenlied, 1653): Wer sich im Herbst nicht freut, „Dem ist gar gewiß zur Seiten / Stahl und Kies ans Herz gesetzt.“ Die Aussage vom Diamantherzen wäre dann eine (An)Klage gegenüber der schönen Frau, die den Sprecher nicht erhören will, weil sie offenbar genügend andere Verehrer hat (V. 11). Der Hinweis auf die Vergänglichkeit ihrer Schönheit soll sie offenbar unter Druck setzt, dass sie seinem Flehen nachgeben möge.
Theoretische Auswertung:
Den Aufbau des Gedichts beschreiben, das kann einmal auf die Form zielen (Sonett = Art des Gedichts; Strophen, Verse, Metrum, Reimformen, Stilmittel), das kann aber auch die gedankliche Struktur meinen. Ich schlage daher vor, klar zu sagen, was gemeint ist, wenn man „den Aufbau beschreiben“ soll: Soll die Form oder soll die Struktur beschrieben werden, oder beides? Erst wer die Struktur erfasst, hat ein Gedicht verstanden – Verse und Strophen nur zu zählen, das ist eine Leistung für Erstklässler. [Einige wenige Autoren unterscheiden zwischen innerer und äußerer Struktur des Gedichts (also zwischen Form und Struktur in meiner Ausdrucksweise), immerhin, aber sie erklären nur, wie man die äußere Struktur = die Form ermittelt. Die äußere Form ist das, was der Dichter (durch den Sprecher und den Drucker) hervorbringt; die innere Form = die Struktur ist das, was der Sprecher gegenüber seinem Hörer in seiner Äußerung hervorbringt. Ich habe in einem Aufsatz erklärt, wie man die innere Struktur, also die eigentliche Struktur ermittelt: https://norberto68.wordpress.com/2011/02/13/zuerst-den-aufbau-von-gedichten-untersuchen-gedichtanalyse-1-schritt/]; vgl. auch die Unterscheidungen in einem Exkurs bei einer Gedichtanalyse;
Vgl. zu Hoffmannswaldaus Gedicht auch http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/vorlesungen/17Jhdt/03042006F.pdf!

Die Vermengung von Form und Struktur unter dem Stichwort „Aufbau“ ist eigentlich nur bei Gedichten zu finden, weil dort die Form häufig stark ausgeprägt ist; ich denke, dass man beim „Aufbau einer Erzählung“ immer gleich an die Struktur denken würde – oder irre ich mich da? Beim Aufbau eines Dramas fragt man nach der Funktion der Akte bzw. nach dem Verlauf (Strukturierung) des Geschehens, bezogen auf die Abfolge der Akte – oder? Was ich unter dem Aufbau eines Dramas verstehe, kann man etwa in http://norberto42.wordpress.com/2012/03/06/schiller-kabale-und-liebe-inhalt-aufbau/ sehen.

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2 thoughts on “Was heißt: den Aufbau des Gedichts beschreiben?

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