Pfuschen und Selbsteinschätzung

Im folgenden Text von spektrum.de werden die Untersuchungen eines Psychologen auf Politiker angewandt – ich möchte sie auf Schüler übertragen, die pfuschen (mogeln, schummeln, spicken …), und auf das Bild, das sie selbst und ihre Eltern von den so „tüchtigen“ Schülern haben:

[…] Wulff und Guttenberg sind demnach nur zwei prominente Beispiele für ein durchaus verbreitetes Phänomen: ein positives Selbstbild aufrechtzuerhalten, auch wenn offenkundige Beweise für moralisches Fehlverhalten vorliegen. Diese Neigung kann demnach so hartnäckig sein, dass wir uns einen Irrglauben auch dann nicht bewusst machen, wenn dafür Konsequenzen drohen.

Das ist eines der Ergebnisse, die der bekannte Psychologe Dan Ariely 2011 gemeinsam mit einem Team von der Harvard Business School veröffentlichte. Der Mittvierziger gilt dank vieler gewitzter Experimente als Star seiner Zunft. Zuletzt testeten er und seine Kollegen die moralische Integrität ihrer Studenten, indem sie ihnen die Gelegenheit zum Mogeln gaben, während sie zehn Fragen zum Allgemeinwissen beantworten sollten, zum Beispiel „In welchem US-Bundesstaat liegt der Mount Rushmore?“. Am Fuß des Aufgabenblatts standen die Lösungen; mit ihrer Hilfe sollten die Teilnehmer ihre Ergebnisse selbst auswerten.

Dass einige die Gelegenheit ergriffen und schummelten, ließ sich daran ablesen, dass sie sich im Schnitt neun richtige Antworten attestierten, die Kontrollgruppe ohne Lösungsschlüssel aber nur auf rund sechs kam. Danach sollten alle Probanden vorhersagen, wie sie bei weiteren zehn Fragen abschneiden würden. Sie durften schon einen Blick auf den nächsten Test werfen und konnten sehen, dass hier keine Lösungen dabeistanden.

Die Kontrollgruppe tippte gemäß ihren Ergebnissen im ersten Durchgang im Schnitt auf sechs richtige Lösungen. Wer beim ersten Mal mogeln konnte, meinte im zweiten Test knapp acht Aufgaben lösen zu können. Offenbar korrigierten die Schummler ihre Erwartung zwar ein wenig nach unten, überschätzten sich aber immer noch deutlich. Sie führten ihr gutes Abschneiden im ersten Test also trotz Mogelei größtenteils auf eigene Kompetenz zurück. Und wenn sie zusätzlich ein Zertifikat für ihre gute Leistung erhalten hatten, überschätzten sie sich noch mehr: Die soziale Anerkennung für das erschummelte Ergebnis verstärkte den Effekt.

An den überhöhten Erwartungen änderte sich auch nichts, als die falschen Prognosen spürbare Folgen hatten, wie die Forscher in einer Anschlussstudie feststellten. Sie erhöhten den Anreiz, das eigene Abschneiden realistisch vorherzusagen, indem sie den Probanden je nach Treffergenauigkeit mehr oder weniger Geld in Aussicht stellten. Trotzdem überschätzten diejenigen, die zuvor mogeln konnten, ihren Testscore im Schnitt um knapp drei Fragen und erhielten deshalb rund drei Dollar weniger als die Kontrollgruppe. Die Selbstüberschätzung ließ sich also auch dann nicht korrigieren, wenn der resultierende Fehler die Probanden etwas kostete. […]

(http://www.spektrum.de/alias/selbstbetrug/doppelte-buchfuehrung/1143504, 29.02.1012)

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