Brandt: Rede zum Moskauer Vertrag vom 12. August 1970 – Analyse

Erste Analyse
Nachdem Brandt den Moskauer Vertrag unterzeichnet hat, wendet er sich über das Fernsehen an alle Deutschen (der Bundesrepublik: Mitbürger), um ihnen die Bedeutung des Vertrags zu erklären und um die Bedenken und Einwände der CDU-Anhänger (im weiten Sinn) aus dem Weg zu räumen. Da er über das Medium Fernsehen spricht, kann er Reaktionen der Zuschauer nicht wahrnehmen, muss also sorgfältig und vorsichtig argumentieren und um Zustimmung zu seiner neuen Ostpolitik werben.
Aufbau:
Nach der Begrüßung (Z. 1) würdigt (auch: erklärt, bewertet) er zunächst die Bedeutung des Vertrags (Z. 2-10): Mit ihm werde das Verhältnis zum Osten neu begründet. Zur Begründung dieser Ostpolitik beruft er sich auf seine eigene Regierungserklärung als der „Richtlinie“ (Z. 19) seiner Politik, die insgesamt einem „Friedenswerk“ (Z. 19) verpflichtet sei (Z. 11-20).
Im folgenden Teil (bis Z. 50) würdigt er den Vertrag ausführlicher, weist dabei zugleich Einwände der CDU-Anhänger und -Politiker zurück:
1. Der Vertrag stellt einen Erfolg dar, weil er nach dem (auch für den Osten) katastrophalen Krieg die Beziehungen zu den Staaten im Oster verbessert (Z. 21 ff.); damit widerspricht er dem Einwand, der Vertrag stelle einen Ausverkauf dar.
2. In ihm werden die Beziehungen zur Sowjetunion verbessert,
3. ebenso die Beziehungen zur DDR entspannt;
beides erfolge im Interesse des ganzen deutschen Volkes (v.a. die Entspannung im Verhältnis zur DDR, Stichwort „Mauer“) – damit weist er den Einwand zurück, es würden Interessen der Ostdeutschen aufgegeben (Z. 35 ff.).
4. Der Vertrag dient auch Europa (Z. 44 ff.); ausdrücklich spricht Brandt von „Rußland“ statt „Sowjetunion“, um die Bindung dieses Staates an die europäische Geschichte Geschichte beweisen zu können: Es werde ein „Ausgleich der Interessen“ hergestellt (Z. 49), was ja ein Merkmal fairer Politik ist. Damit weist er den Einwand zurück, die europäische Einigung werde durch eine Wendung nach Osten beeinträchtigt.
Im folgenden Abschnitt (Z. 51 ff.) nimmt Brandt direkt zu Einwänden Stellung:
– „Preisgabe deutschen Landes“: Nichts gehe verloren, was nicht durch den Krieg verspielt worden ist (Z. 51 ff.);
– „Verhältnis der BRD zum Westen wird gefährdet“: Dieses Verhältnis werde nicht gefährdet (Z. 58 ff.);
– „Europäische Einigung verliert an Bedeutung“: Die Einheit Europas werde vorangetrieben (Z. 61 ff.).
Zum Schluss zieht Brandt ein Fazit (Z. 64-66): Der Vertrag dient dem Frieden, dient Europa und „uns allen“ [wobei offen ist, wer zu „uns“ gehört]. Es folgt der abschließende Gruß nach Deutschland (Z. 67).
Rhetorische Analyse:
Insgesamt erkenne ich vier dominierende Strategien Willy Brandts in dieser Rede. Sein Hauptanliegen scheint mir zu sein, die von CDU und Vertriebenenverbänden vorgebrachten Bedenken zu zerstreuen; dem dient ein ganzer Abschnitt seiner Rede (Z. 51 ff., aber auch bereits Z. 21 ff.). Dem dient auch der Hinweis, dass er sich (wie die meisten seiner Zuhörer, Z. 21!) „frei vom Wunschdenken“ weiß, was er also dem politischen Gegner zuschiebt. Hier ist auch die einzige Stelle, wo er pointiert „ich“ sagt, während er zuvor von der Bundesregierung gesprochen hat (Z.11 ff.); er beansprucht die Zustimmung der „meisten Deutschen“, weist dem Gegner also eine Minderheitsposition zu. Auch das Stichwort der „Nüchternheit“ (Z. 23) und der Hinweis auf die Lage, wie sie in Europa besteht (Z. 10, als Folge des Krieges, Z. 55 f.), unterstreichen seine Anspruch auf Realpolitik und die Absage an die Träumereien der politischen Gegner.
Die zweite Strategie dient ebenfalls seiner Rechtfertigung: Er ordnet den Abschluss des Vertrags in die politische Geschichte ein (Z. 5-10), deren einzelne Abschnitte auch vom CDU-Kanzler Adenauer gestaltet worden sind. [Man könnte diesen Gedanken auch der 1. Strategie zuordnen.]
Die dritte Strategie besteht darin, die Chancen aufzuzeigen, die durch den Vertrag geschaffen werden: Es ist vor allem der Frieden nach dem Kalten Krieg (und statt eines mehrmals drohenden Atomkrieges), von dem Brandt wiederholt spricht (Z. 16, 19, 54, 66), und der ihm korrespondierende gegenseitige Verzicht auf Gewalt (Z. 9, wobei der Weltkrieg den Kontrast und Ausgangspunkt bildet, Z. 32 ff.). Dem Frieden entspricht das Verhältnis einer Partnerschaft (Z. 48), ein Ausgleich der Interessen (Z. 49), auch der Zusammenschluss Europas (Z. 66, 44 ff.).
Die vierte Strategie besteht in der Bewertung des Vertrags als Erfolg deutscher Politik (wiederholt, Z. 27 und 29). In den Metaphern, dass der Vertrag einen entscheidenden Schritt (auf einem Weg, Z. 30) darstellt und dass in ihm „ein neues Blatt“ im Buch der Geschichte aufgeschlagen wird (Z.52 f.), wird die Bedeutung des Vertrags bildhaft umschrieben. [Die Metaphern könnte man auch der 3. Strategie zuschlagen: Frieden nach dem Krieg und Kalten Krieg als weiterer Schritt oder als neues Blatt.]

Nachtrag,
zwei Wochen später geschrieben, nachdem ich 17mal geschlafen und 24 Klausuren zum Thema korrigiert habe:
Ich sehe jetzt stärker, dass die Rede dem genus demonstrativum angehört; Brandt hält eine Rede zur Feier des Tages, also zur Feier des Vertragsabschlusses. [Nebenher sei bemerkt, dass es sich um den Abschluss, nicht um die Abschließung eines Vertrags handelt – bei Türen mag es die letztere geben.] Demgemäß wird weithin die Bedeutung des Vertrags gewürdigt und erklärt; damit wird der Vertrag oder das Verhandlungsergebnis bewertet, aber nicht aufgewertet – im Hinblick auf die bald darauf tagende KSZE kann man den Vertrag kaum überbewerten!
Die Auseinandersetzung mit der CDU oder den Vertriebenenverbänden rückt für mich jetzt stärker in den Hintergrund; ich sehe sie nur noch in Z. 21 ff. (Vorwurf, Brandt sei mit seinen politischen Hoffnungen ein Spinner) und in Z. 51 ff. (Einwände, der Vertrag gefährde die Westbindung und die europäische Einigung – dazu indirekt bereits Z. 44 ff.!). Auch die Einordnung in die politische Geschichte sehe ich jetzt unter dem Aspekt, dass Brandt die Bedeutung des Vertrags sowohl als Fortsetzung der Adenauerschen Politik (Z. 6 f.) wie als Neuanfang (Z. 30 ff.) würdigt.
Auch den Aufbau sehe ich jetzt ein bisschen anders: Nach der Anrede der Zuhörer würdigt Brandt zunächst den Vertrag („ein wichtiger Augenblick“ der Nachkriegsgeschichte, Z. 3 f.; Aufgabe erfüllt, Z. 11 ff.; Erfolg, Z. 21-28, mit Begründung dieses Urteils in Z. 29 ff.; geschichtliche Wandlung, Z. 24 f.; neues Blatt in der Geschichte, Z. 52); danach erklärt er seine Bedeutung für die Ost-, Deutschland- und Europapolitik (Z. 30-50). Viele Schüler haben nicht verstanden, dass mit dem Rückblick auf die europäische Geschichte („Russland“ statt „Sowjetunion“!) die Zughörigkeit der SU zu Europa begründet und die mit ihr zu machende Deutschlandpolitik (Z. 35 ff.) in den Rahmen der Europapolitk gestellt wird.
Viele Schüler sehen eine Art wir-Strategie Brandts; es fällt sicher auf, dass nie von den anderen (wohl allerdings von der SU und von den östlichen Völkern) gesprochen wird – das ist dem genus demonstrativum aus Anlass eines guten Vertrages geschuldet. Wenn man genau untersucht, wer mit „wir“ gemeint ist, kommt man auf die Bürger der BRD (Z. 4), eventuell alle Deutschen (Z. 13), die Regierung (Z. 19), die Leute oder die Deutschen oder die Europäer (Z. 23 f.), Bürger und Regierung (Z. 25 f.), wir in (West)Europa (Z. 47, 49) und ein ganz umfassendes „wir“ (Z. 66). Es erscheint also fraglich, ob man hier von einer eigenen Strategie sprechen kann.
Noch eine Kritik an den Schülerlösungen: Der Rückgriff auf die Regierungserklärung ist sicher kein Autoritätsargument, da es ja seine eigenen Regierungserklärung ist (Z. 12 ff.); vielmehr klingt da eher ein Selbstlob an: Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht (vgl. Z. 11 f.)!
Die Schüler haben auch noch einige rhetorische Figuren gefunden, etwa die geminatio (Z. 19), die Wiederholung (Z. 27/29, mit Emphase vorgetragen), die Anapher „nur wenn“ (Z. 47 f.), Lauras argumentum ad populum (? Z. 41 f.) – das alles sind schöne Beobachtungen, die man in die Betrachtung der Strategien einbauen kann.

Die Analyse der Rede Brandts war politisch-historisch durch eine Untersuchung der Regierungserklärung Adenauers zum Mauerbau 1961 und der Rede Walter Scheels zum Tag der deutschen Einheit 1978 (Pelster: Reden, Redesituationen, Redekritiken, 1980) vorbereitet worden.

Aufgabenstellung einer Klausur im Grundkurs Deutsch 12:

Analyse einer politischen Rede – drei Schulstunden
Rede Willy Brandts vom 12. 8. 1970 (zum Moskauer Vertrag)
Aufgabenstellung:
Analysieren Sie die Rede Brandts, indem Sie ihren Aufbau und Brandts rhetorische Strategien beschreiben!

Erläuterungen:
Ende 1969 bildete die SPD mit der FDP erstmals eine sozialliberale Koalition (unter Führung von W. Brandt und W. Scheel); Bundeskanzler Brandt verzichtete auf die Hallstein-Doktrin und erkannte die Existenz zweier deutscher Staaten an, die aber füreinander „nicht Ausland seien“; er traf sich mit dem Ministerpräsidenten der DDR, Willi Stoph, in Erfurt und Kassel.
1970 schloss die Regierung den Moskauer Vertrag (12. 8.) und den Warschauer Vertrag über Gewaltverzicht und territoriale Unverletzlichkeit aller Staaten in Europa auf der Basis der bestehenden Grenzen [d.h. praktisch Verzicht auf die ehemaligen deutschen Ostgebiete Pommern, Schlesien, Preußen usw.] ab; in einem begleitenden Brief bekräftigte die Bundesregierung ihr Ziel, friedlich auf die Einheit Deutschlands hinzuarbeiten; auch waren die Verträge, die 1972 gegen heftigen Widerstand der CDU in Kraft traten, an eine für die Bundesrepublik „befriedigende“ Berlinregelung gebunden.

Hilfsmittel: alle Arten deutscher Wörterbücher

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