Was ist falsch, was bloß Varietät – am Beispiel „lehren“

Im Erft-Kurier, einem Anzeigenblatt aus Grevenbroich (Sie wissen: jenes linksrheinische Städtchen, wo Horst Schlämmer segensreich gewirkt hat), stand am 3. Juli 2011 in der Schlagzeile, dass ein fußballbegabtes Mädchen den Jungen das Fürchten lehrt. Das tat meinem Sprachgefühl weh, so habe ich kurz eine Mail an die Zeitung geschrieben und auf das Versehen hingewiesen: Das dürfe nicht vorkommen! Heute rief mich ein pensionierter Kollege an und fragte mich, ob man „lehren“ mit dem Dativ gebrauchen kann – er habe den Chefredakteur des Erft-Kuriers angerufen; der habe ihm gesagt, das sei auch möglich. Daraufhin habe ich besagten Kollegen darin bestärkt, dass „den Schülern etwas lehren“ natürlich falsch sei.

Die Sache ließ mir dann keine Ruhe; ich habe einmal in den Wörterbüchern nachgeschaut und mich nicht schlecht gewundert:

In Büntings „Deutsches Wörterbuch“ steht: „jemanden etwas lehren“, wie man das als richtiger Deutschlehrer auch kennt.

Ebenso im Bertelsmann-Wörterbuch:

leh|ren [V.1, hat gelehrt] I [mit Akk. und Akk.]jmdn. etwas l. jmdn. in etwas unterrichten, jmdm. etwas beibringen; jmdn. das Lesen, Reiten, Schwimmen l.; jmdn. l., ein Gerät zu handhaben; ich werd‘ dich l., meine Äpfel zu stehlen! [übertr.] was fällt dir ein…?

Im Grimm’schen Wörterbuch (Art. „lehren“ http://germazope.uni-trier.de/Projekte/WBB2009/DWB/wbgui_py?lemid=GA00001) fand ich dann aber etwas anderes:

8) lehren wird verbunden sowol mit dem acc. der person (vgl. no. 4) als mit dem acc. der zu lehrenden sache (no.5), eine seit den ältesten zeiten gewöhnliche fügung

10) neuerer brauch ist es, statt des persönlichen accusativs (oben no. 4) den dativ zu verwenden. mhd. ist dafür noch kein beispiel zu geben, …

So dann auch das DWDS (http://www.dwds.de/?qu=lehren&view=1):

1. jmdn., etw. l. ; ; jmdm., etw. l. umgangssprachlich ♦ jmdm. durch Unterricht, Belehrung Kenntnisse vermitteln, jmdm. etw. beibringen

In Hermann Paul: Deutsches Wörterbuch (10. Aufl. 2002) steht mit Berufung auf Trübner: „Seit 17. Jh. (Trübner) tritt, wohl unter französischem Einfluß, an die Stelle des persönlichen Akkusativs häufig der Dativ: sie lehrte ihm kleine Lieder Goethe“ [Ich habe die Abkürzungen ausgeschrieben.]

Das Duden-Universalwörterbuch (2. Auflage, 1989) sagt: „jemanden lehren, (veraltend) jemandem lehren“. Na ja, der Gebrauch des Dativs ist wenigstens „veraltend“!

Auswertung:

1. Das eigene Sprachgefühl kann selbst einen korrekturfreudigen sprachsicheren Deutschlehrer täuschen.

2. Es gibt keine Instanz, die verbindlich über „richtig/falsch“ in der Sprachverwendung entscheiden kann. Die Sprache wird so verwendet, wie sie verwendet wird; Eltern korrigieren ihre Kinder in dem Sinn, wie sie selber zu sprechen gelernt haben. „Richtig“ ist die Art, wie alle sprechen; „falsch“ ist es, wenn einer vom normalen Sprachgebrauch abweicht. Wenn genügend Leute in einer Gegend, aus einer Berufsgruppe oder einer sozialen Schicht usw. „anders“ sprechen, ist das nicht falsch, sondern eine Varietät.

3. Trotzdem muss man als Deutschlehrer Schülerarbeiten korrigieren – vielleicht sollte man dabei öfter im Wörterbuch nachschauen und sich nicht nur auf das eigene Sprachgefühl verlassen?

4. Sicher falsch ist die rheinische Wendung, die ich in meiner Kindheit auf dem platten Land (in Ratheim) gelernt habe: „Lern mich dat mal!“ Aber vielleicht ist das auch bloß eine Varietät?

5. Die Welt, in der man noch zwischen „trotzdem“ und „nichtsdestoweniger“ zu unterscheiden wusste, statt „nichtsdestotrotz“ zu sagen, oder in der man den Unterschied zwischen „letztlich“ und „endlich“ kannte, statt beide „letztendlich“ in einen Topf zu werfen: Das ist die Welt von gestern; sie ist dabei unterzugehen. „Die Welt von gestern“ geht immer unter, nicht nur für Stefan Zweig.

P.S. 

Christine Wollowski berichtet in der SZ vom 8. Juli 2011 („Wir holt den Fisch“, S. 14) darüber, dass in Brasilien erstmals die völlig verarmte und vereinfachte Umgangssprache in ein Portugiesisch-Lehrbuch für Erwachsene aufgenommen worden ist. In dieser Sprachversion gibt es für Verben nur die 3. Person Singular („Wir geht zur Schule“), Substantive gibt es nicht mehr im Plural, schwierigere werden durch „Dingens“ ersetzt. Diese Sprache sei „Ausdruck der Lebenswirklichkeit einer ungebildeten Mehrheit, der nur das marode öffentliche Schulsystem offensteht“.

„Die Frage lautet derzeit deshalb: Soll die Schule diese populäre Sprachversion als gleichwertig und ausreichend akzeptieren?“ Wollowski referiert die Argumente für das Ja und Nein und plädiert schließlich auch für das Nein; denn normale Bewerbungsverfahren fragten korrekte Grammatik ab. „Wer gesellschaftlich ernst genommen werden will, muss die Hochsprache beherrschen.“ Es nütze nichts, Simpelsprechern zu sagen, ihre Sprechweise sei auch korrekt, „solange die Gesellschaft anderer Ansicht ist“.

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