Zuhören kultivieren

Erfahrung: In den Talkshows im Fernsehen ist es mir unerträglich, wenn die Teilnehmer einander unterbrechen, ins Wort fallen, nicht zuhören (oder so geifern wie Friedmann); Frauen sind in dieser Hinsicht insgesamt übrigens kultivierter. – Die gleiche Erfahrung mache ich bei einigen Kommentaren meiner Blog-Leser, dieser Tage noch bei der Analyse von Benn: Brief nach Meran, und der Erörterung zu J. Adler: Die Kunst, Mitleid mit den Mördern zu erzwingen. Teilweise verstehe ich nicht einmal, was der Kommentar mit meinem Beitrag zu tun hat.

Zweite Erfahrung: In der Rückschau bedauere ich es, wie kämpferisch ich als Jugendlicher und junger Mann war; wie ich das, was gute Autoren zu sagen hatten, überhaupt nicht wahrgenommen habe. Vermutlich hängt das damit zusammen, dass man uns (Jg. ’42) zum Gehorchen (und daraus folgend zum Kämpfen) erziehen wollte, dass man uns jedenfalls nicht zugehört (Mutter, die Kirche, die Lehrer), sondern indoktriniert hat. – Ich erinnere mich an einen Wahlspruch aus meiner dominikanischen Verirrung: „contemplari et contemplata aliis tradere!“ Man sollte sich also etwas im stillen Kämmerlein ausdenken und das dann rausposaunen; dass man als Kleriker anderen zuhören könnte, auf die Idee ist keiner gekommen – und das in einer Kirche, die das Beichten erfunden hat!

Deshalb habe ich einmal geschaut, was unter „zuhören“ im Netz zu finden ist. Denn es ist meine Überzeugung, dass die Schüler zu Aufmerksamkeit und Zuhören „erzogen“ werden müssen, dass das kultiviert werden muss; und dass der Kampf um die Aufmerksamkeit verloren ist, wenn man versucht, Unterricht noch crashiger, greller oder geiler als alle Spiele und Filme zu machen.
Links:
Erste Entdeckung: Es gibt eine Stiftung Zuhören: http://www.stiftung-zuhoeren.de/
Zweite Entdeckung: Das moderne Stichwort heißt „aktives Zuhören“ (bitte selber aufrufen, es kommen ständig neue Links hinzu, wärend alte verschwinden!):
http://www.wahle.de/radio/zuhoeren.htm
http://www.abendblatt.de/daten/2008/02/23/851297.html
http://www.humanistische-aktion.de/komm.htm
http://www.personalentwicklungsberatung.de/Informationen/
http://www.zeitzuleben.de/artikel/familie/partnerschaft-kommunikationstipps-2.html
http://www.linus-geisler.de/ap/ap04_zuhoeren.html
Dritte Entdeckung: Es gibt das Projekt GanzOhrSein (für die Schule):
http://www.ganzohrsein.de/
Es gibt (gab) dazu ein Funkkolleghttp://www.hr-online.de/website/specials/wissen/index.jsp?rubrik=18386
Und 4.: Es gibt ein Handbuch mit Übungen usw.:
http://www.cap.lmu.de/download/2006/2006_Besser_Zuhoeren.pdf

Und dann noch ein Blick nach google und onlinks:
http://www.rhetorik.ch/Hoeren/Hoeren.html
http://www.mediamanual.at/mediamanual/workshop/video/kamera/zuhoeren.php
http://inhalt.monster.de/2662_de-DE_p1.asp
http://www.teachsam.de/deutsch/d_rhetorik/argu/arg_prinz_1.htm
http://www.zuhoeren.at/
http://www.flirt-mit-mir.de/haeufig-gestellte-fragen-flirt-wissen/faq (sogar beim Flirten!)

Eben sehe ich, dass im Deutschbuch 7 von Cornelsen am Ende (!) der Reihe übers Diskutieren auch knapp anderthalb Seiten zum Zuhören stehen: Sich in den Gesprächspartner versetzen – Zuhören trainieren (S. 40 f.). Das sind zwar zwei verschiedene Leistungen, aber sie hängen schon zusammen; danach werden Regeln für Arbeitstechniken des Diskutierens vorgestellt.

Im SZ Magazin Nr. 9/2008 steht ein kleiner Aufsatz von Gabriela Herpell übers Zuhören. Darin werden v.a. Schulz von Thun und Max Ackermann als Autoren dieses Themas hervorgehoben. Bei der Suche nach Dr. Max Ackermann bin ich auf Jutta Wermke gestoßen, die schon vor gut zehn Jahren das Problem erkannt hat und angegangen ist:
http://www.mediaculture-online.de/Autoren_A-Z.253+M5a8a79ec8ef.0.html
http://www.mediaculture-online.de/Autoren_A-Z.253+M5e65d4827fb.0.html
http://www.mediaculture-online.de/Autoren_A-Z.253+M531d8241920.0.html
http://www.mediaculture-online.de/Autoren_A-Z.253+M5c3192e9213.0.html
http://www.mediaculture-online.de/Autoren_A-Z.253+M57c80f95094.0.html

Das Unterkapitel „Sprechen und Hören“ in Gerhard Bauer: Zur Poetik des Dialogs (1977, S. 57 ff.), verdient zum Thema ‚Zuhören im dramatischen Gespräch‘ Beachtung.

Frau Herpell (vom SZ-Magazin) hat auf meine Anfrage empfohlen:
* „Der Aufstand des Ohrs – die neue Lust am Hören“
Vandenhoeck und Ruprecht, 350 Seiten, 17,90 Euro
— Den Vandenhoeck-Titel findet man hier ausführlich vorgestellt; es sind die Texte des Funkkollegs.

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One thought on “Zuhören kultivieren

  1. Pingback: Sabine Czerny: Was wir unseren Kindern in der Schule antun… – Leserbrief an die SZ « norberto68

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