Weidenmann: Das Dilemma der schulischen Leistungsbeurteilung

Das Dilemma der schulischen Leistungsbeurteilung

•    „Schule soll die Entwicklung von Kindern fördern und zugleich Selektionsentscheidungen über diese Kinder treffen.“
•    „Diese zwei gegensätzlichen Aufgaben lassen sich nicht oder nur sehr schwer vereinbaren.“

Fördern und Selektieren definieren völlig unterschiedliche pädagogische Situationen.
•    „Für das Fördern ist es wertvoll, dass die Lernenden ausprobieren, Fehler machen, etwas riskieren, mit anderen kooperieren, im eigenen Zeitrhythmus vorgehen usw.
Für das Selektieren sind Objektivität, Vergleichbarkeit, normierte Leistungsanforderungen charakteristisch.“

„Die Förderung lässt sich nicht mit Beurteilungsformen leisten, die auf Selektion zugeschnitten sind.“
•    Unsere pädagogische Aufgabe besteht hauptsächlich darin, Leistungen zu erzeugen und zu entwickeln, wo noch keine sind oder sich erst kaum sichtbare Ansätze zeigen.
•    Das Überprüfen und Beurteilen von vorhandenen Leistungen hat demgegenüber nachgeordnete Bedeutung.
•    Lehrer sind im Hauptberuf Leistungsentwickler und nicht Notenbuchhalter und Vermessungsbeamte für Leistungen“  (W. Sacher, S. 63).

„Ich plädiere dafür, beide Formen (förderndes und selektierendes Beurteilen) so strikt wie möglich zu trennen.
Lehrern wie Schülern sollte jederzeit absolut klar sein, ob sich im Klassenzimmer gerade eine fördernde oder eine selektierende Bewertung ereignet.“

Aber auch damit sind die Probleme noch nicht beseitigt  …

Warum schulische Leistungsbeurteilung nicht objektiv sein kann…
•    Schulische Leistungsbeurteilung ist ein sehr komplexer Vorgang, bei dem der Lehrer eine Vielzahl von Funktionen übernimmt, die so in einer Person nur schwer zu vereinbaren sind:

Der Lehrer/die Lehrerin
•     ist an der „Herstellung“ der Schülerleistung, die beurteilt werden soll, stark beteiligt, beruht sie doch zu einem wesentlichen Teil auf seinem/ihrem Unterricht
•    definiert, und zwar ziemlich frei, was gemessen und beurteilt werden soll
•    erstellt, ebenfalls weitgehend frei, das Messinstrument, die Prüfung

Die Lehrerin/der Lehrer
•    führt die Messung selbst durch, unter Bedingungen, die er/sie selbst definiert
•    liest die Messergebnisse selbst ab, indem er die Prüfung korrigiert, und auch dies nach selbstbestimmten Kriterien
•    schließlich bewertet er/sie das Ergebnis der Leistungsmessung

Die Kumulierung all dieser Funktionen in einer Person ist aus Gründen der Objektivität messtheoretisch nicht zu vertreten.

Auch wenn die Leistungsbeurteilung nicht wirklich objektiv sein kann, kann sie dennoch fair und transparent sein!

Transparenz der Leistungserwartungen besteht darin,
1.  den Schülerinnen und Schülern ein an den gültigen Richtlinien oder an Bildungsstandards ausgerichtetes und ihrem Leistungsvermögen angepasstes Bildungsangebot zu machen.
2.  dieses Angebot verständlich zu kommunizieren und zum Gegenstand eines Arbeitsbündnisses zu machen.
3.  und ihnen nach formellen und informellen Leistungskontrollen zügig Rückmeldungen zum Lernfortschritt zu geben.

Indikatoren für Transparenz der Leistungserwartungen ( nach Hilbert Meyer):
•    Der Lehrer bespricht seine Leistungserwartungen mit den Schülern.
•    Die Leistungsrückmeldungen erfolgen zügig und differenziert.
•    Die Erläuterung der Leistungsrückmeldung erfolgt in klarer und verständlicher Form.
•    Die Schüler kennen jederzeit ihre Aufgabenstellung genau.

Indikatoren für Transparenz der Leistungserwartungen
•    Die Schüler sind über den Schwierigkeitsgrad der gestellten Aufgaben informiert.
•    Verschiedene Formen der Leistungskontrolle werden eingesetzt. Es wird erläutert, welche Form wofür taugt.
•    Klassenarbeiten und Tests werden vorher angekündigt.
•    Schülerfeedback wird genutzt, um Leistungserwartungen zu korrigieren.
•    Die Schüler bringen eigene Vorschläge zur Leistungskontrolle ein.

Drei Ratschläge
•    Entmischen Sie Phasen der Leistungskontrolle und reine Lern- und Arbeitsphasen.
•    Geben Sie Rückmeldung zügig!
•    Nutzen Sie die vielfältigen Formen alternativer Leistungsdokumentation und -kontrolle!

Bleiben Sie realistisch in Ihren Anforderungen an sich selbst!
•    Leistungsgerechtigkeit herzustellen ist mit viel Arbeit verbunden und aufgrund der widersprüchlichen Aufgaben der Schule (Selektion und Förderung) nicht vollständig hinzubekommen.
B. Weidenmann

(Dies war eine .doc-Datei, die ich aber nicht benennen kann und daher abdrucke; die grafische Gestaltung hier stammt von mir.)
Ich möchte auch auf die Tatsache hinweisen, dass manche Eltern Noten rechtlich überprüfen lassen. „Rechtlich abgesichert sein“ ist daher nichts Böses, sondern eine Form der Selbstbehauptung gegen allzu anspruchsvolle Eltern.

Links zum Problem der Notengebung (Leistungsmessung):
http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Aktuelles/a_Schule/s_1439.html
http://www.zeit.de/2006/27/Titel-Schulnoten-27 (mit mehreren Links)
http://www.zeit.de/2006/29/Noten-29 (Brügelmanns Antwort)
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23078/1.html
http://www.sozialistischegruppe.de/hefte/2005/Noten.html
http://wiki.zum.de/Bewertung_von_Sch%C3%BClerleistungen
http://impulsmittelschule.ch/themata/noten/2001/leistungsbeurteilung.htm
http://www.ph-heidelberg.de/wp/konrad/download/leistungsmessung.pdf
http://www.lehrerfortbildung-bw.de/faecher/englisch/bs/recherche/downloads/rechtsprobleme.pdf
http://www.uni-konstanz.de/ag-moral/evaluation/k_eva_theorie.htm

……………………………………………………………………………………….

Wie wichtig die drei Ratschläge Weidenmanns sind, möchte ich an folgendem Beispiel zeigen: Wenn ich gelegentlich einen Beitrag mit den Worten „Das ist ein schöner Fehler!“ gelobt habe, meinten die Schüler meistens, das sei ironisch gemeint – war aber ganz ernst, weil man an einem schönen Fehler zeigen kann, wo und warum ein Gedanke falsch läuft. Ich hätte dafür vielleicht noch eine 2 anschreiben sollen, wie ich für gute Fragen und Einwände eine 1 angeschrieben habe. In meinem Kopf war also klar, dass im normalen Unterricht Fehler gemacht werden dürfen, aber den Schülern war es anscheinend nicht klar genug – da hätte ich ausdrücklich für mehr Transparenz sorgen müssen.

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