Sachlichkeit

Dietrich von Oppen hat vor 30, 40 Jahren ein Buch über die Sachlichkeit als eine Tugend geschrieben; in der Schule kann diese Sachlichkeit nicht hoch genug eingeschätzt werden,
* als Tugend des Lehrers, der nicht als Lehrer schon Recht hat;
* als Tugend des Schülers, dem die Note nicht alles und die Parteinahme für andere Schüler (oder gegen den Lehrer) nicht Prinzip ist;
* als Tugend der Eltern, die in ihrem Kind nicht den einzigen Prinzen unter tausend Deppen sehen;
* als Erziehungsziel oder -prinzip: dass der Unterricht dazu dient, Erkenntnisse zu gewinnen, indem man methodisch vorgeht.
Sachlichkeit der beteiligten Menschen entspricht der Absicht, richtige oder wahre Erkenntnisse auf allgemein gültigen Wegen zu gewinnen; Sachlichkeit hat mit Präzision im Arbeiten, aber auch mit Redlichkeit und Distanz von den eigenen vordergründigen Interessen zu tun.

Da diese Sachlichkeit nicht immer vorhanden und nur schwer erreichbar ist, möchte ich zwei leuchtende Beispiele vorstellen. Die Heldin des ersten ist Laura H., eine Schülerin der 7. Klasse (im Schuljahr 2000/01), wenn ich mich recht erinnere. Wir hatten im Deutschunterricht Konjunktionen im Zusammenhang mit den dadurch ausgedrückten Verhältnissen (kausal, temporal usw.) besprochen. Nun war in den Klassenarbeit eine Wendung zu bestimmen, die nach meinem Verständnis eindeutig konsekutiv war, welche von Laura aber als „kausal“ bestimmt war [eine Unterscheidung, die ohnehin nicht ganz einfach ist!]; dadurch erhielt sie nicht die nötige Punktzahl für ein „gut“ als Note der Klassenarbeit.
Bei der Besprechung meldete sie sich und wandte ein, das stände so aber im Schülerduden Grammatik (womit wir gearbeitet hatten); damit hatte sie Recht, aber ich lasse den SD Grammatik nicht als Quelle absoluter Wahrheit gelten. Ich habe dann am folgenden Tag zwei Grammatiken mitgebracht und Laura gebeten, selber zu prüfen, was denn nun stimmt; ich habe ihr gesagt: „Du entscheidest selber, was richtig ist.“ Darauf studierte Laura fünf Minuten die Grammatiken und sagte: „Herr Tholen, Sie haben Recht.“ Das hat mich, weil sie damit auf die Note „gut“ verzichtete, so sehr berührt, dass ich geantwortet habe: „Gut, und jetzt bekommst du die 2, weil ich euch früher auf diese Unsauberkeit im SD Grammatik hätte hinweisen können.“ Lauras Sachlichkeit berührt mich heute noch tief in der Seele, wenn ich davon erzähle.
Der zweite Fall spielte im Schuljahr 2002/03 im Literaturkurs der Klasse 12. Dort galt das Prinzip: „Ihr könnt machen, was ihr wollt, aber ihr müsst wissen, was ihr wollt.“ Dadurch kamen sehr freie und eigenwillige Arbeiten zustande; aber es wurden auch Arbeiten eingereicht, die einfach irgendwo kopiert waren – von der Kontrolle solcher Plagiate hatte ich damals noch keine Ahnung. Von einer wirklich exzellenten Arbeit (jemand ist über Weihnachten in einer Badewannenfabrik eingeschlossen – ein bizarre Idee) erfuhr ich auf einer Hochzeitsfeier in Bonn, dass ein Gast diese Arbeit kannte – als Erzählung des erfolgreichen Autors Benjamin v. Stuckrad-Barre; kein Wunder, dass sie „sehr gut“ war! Danach habe ich mir von den internetkundigen Kollegen erklären lassen, wie man Plagiate findet, und habe diverse Arbeiten des Stuckrad-Barre-Abschreibers (sowie einige weitere Arbeiten) als Plagiate entlarvt; in der Folge waren diese Arbeiten, dann nicht 1 oder 2, sondern 6: Täuschungsversuch. [Ich hoffe, ich muss heute keinem Kollegen mehr erklären, wie man Plagiate findet!]
Als das im Kurs publik wurde (und ich mit meinen detektivischen Fähigkeiten prahlen konnte), kam eine Schülerin, Sarah W., freiwillig zu mir und sagte: „Herr Tholen, meine Arbeit habe ich aus der ‚Petra‘ abgeschrieben. Ich dachte, wenn andere pfuschen, darf ich das auch; aber wenn die jetzt ihre 6 kriegen, gebe ich zu, dass auch ich gepfuscht habe.“ Auch dieses Bekenntnis zeigt eine derartige Ehrlichkeit und Sachlichkeit, dass ich mich noch an Sarah erinnern kann, während die anderen Schüler im Orkus des Vergessens verschwunden sind.

Es gibt derart viele Beispiele von Unsachlichkeit, dass es nicht lohnt, davon zu berichten: von Eltern, die „fiese Wörter“ oder sonst etwas anmahnen und nur die Noten ihrer Kinder meinen; von Kollegen, die vom „herrschaftsfreien Diksurs“ schwafeln und so verteidigen, dass ihr Unterricht beginnt und endet, wann es Gott gefällt, und dass sie auf normale Leistungsforderungen und vergleichbare Benotung verzichten, damit sie ungestört ihren teilweise intellektuellen Hobbies nachgehen können…

P.S. Ich verweise auf meinen alten Aufsatz „An der Wahrheit festhalten!“ (http://also.kulando.de/post/2006/12/30/an_der_wahrheit_festhalten), der übrigens auch im (norberto*42-)blog-Blog steht, und http://www.enzyklo.de/Begriff/Objektivität

Mir ist erst sehr spät aufgegangen, dass (für mich) eine der Bedingungen guten Unterrichts war, dass der Lehrer (ich) selbst ein Lernender oder Studierender, jedenfalls nicht bloß ein Studierter ist. Erst in der Arbeitsgemeinschaft der gemeinsam Lernenden, wobei einer durchaus auch lehrend agieren muss, entsteht jene Offenheit, die es möglich macht, dass alle etwas lernen: also sich verändern. – Praktisch heißt das: http://www.zeit.de/online/2008/01/edge.

Lernen ist deshalb schwer, weil es eben heißt: sich (oder sein Denken, sein Agieren, auch das geistige Agieren) verändern. Verändern kann jeder nur sich selbst; ich kann in dem Sinn keinen belehren, sondern nur Hilfestellung beim Lernen geben. Schüler können diese Hilfestellung leichter akzeptieren oder sogar darum bitten, wenn sie sehen, dass der Lehrer selber noch studiert, sich also um Lösungen bemüht (anstatt Überlegenheit oder Desinteresse zu demonstrieren), und wenn ihre Funde auch gewürdigt werden – selbst wenn sie nicht optimal sind [dann sind sie nicht einfach falsch, sondern: „Man kann es noch schärfen fassen“!]. In diesen Zusammenhang gehört auch alles, was zu den Stichworten ÜBERARBEITEN und SACHLICHKEIT zu sagen ist.

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