Eine andere Meinung gelten lassen?

Es kommt natürlich darauf an, was jemand meint, wenn er fordert, man müsse auch eine andere Meinung gelten lassen. Prinzipiell braucht man das aber nicht – und die Forderung ist nur ein schlecht verhüllter Versuch, unterm Mäntelchen von Toleranz oder demokratischem Geist Inkompetente zu schützen.

Ich begründe diese These: Die alten Griechen haben die bedeutsame Unterscheidung „meinen / wissen“ gefunden oder erfunden. Eine Meinung gehört nicht zum Wissen; sie ist unbegründet oder grund-los. Wissen ist das, wofür man Gründe angeben kann. Geltung kann nur Wissen beanspruchen, nicht aber eine Meinung.

Nun gibt es das bedeutsame bürgerliche Recht der freien Meinungsäußerung, wofür es nur sehr weite Grenzen gibt [GG Art. 5, (2): Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.] Das Recht der freien Meinungsäußerung stellt eine große Errungenschaft dar: ein Freiheitsrecht.

Dazu gehört nun aber nicht, dass diese Meinung beanspruchen darf, wahr zu sein, also für alle denkenden Gutwilligen zu gelten; sie zu binden; sie in ihrem Verstehen oder Handeln zu bestimmen. Erst begründete Meinungen können diesen Anspruch erheben – bzw. Menschen, die ihre Meinung begründen (können). Das gilt auch in der Schule: Die Meinung des Lehrers ist irrelevant, ebenso die Meinung eines Schülers – wenn auch jeder seine Meinung äußern darf. Deshalb konnte ich über die oft erhobene Forderung von Schülern, ich müsse auch andere Meinungen gelten lassen, nur lächeln – ich musste es nicht und muss es auch heute nicht!

Als Beispiel einer Meinung, die ich partout nicht habe gelten lassen, möchte ich eine Deutung von Goethes Gedicht Dauer im Wechsel anführen: „Hielte diesen frühen Segen, / Ach, nur eine Stunde fest! / Aber vollen Blütenregen / Schüttelt schon der laue West. (…)“ Da ist also eine Frühlingssituation, die schnell durch einen milden Westwind beendet wird: Die Blütenblätter fallen ab, es gibt einen Blütenregen. Nun gab es in einer Klausur eine Schülerin, die den Frühling nicht sah, deshalb auch die Metapher „Segen“ nicht verstand, sondern für einen kirchlichen Segen hielt und demgemäß hier einen Akt der Taufe oder Konfirmation angedeutet sah, woraus dann ein ganzer christlicher Lebenslauf entwickelt wurde. Davon ist aber nicht im Geringsten die Rede – erst recht nicht, wenn man alles Wechselnde und dann das Dauernde sieht: „Danke, daß die Gunst der Musen / Unvergängliches verheißt, / Den Gehalt in deinem Busen / Und die Form in deinem Geist.“ Was mein Wissen überlegen machte (und das hat schon Spinoza so gesehen): Ich kann den Irrtum der Schülerin erklären, rational aufklären: Er beruht auf dem Missverständnis einer Metapher, die ohne Rücksicht auf den Kontext willkürlich gedeutet bzw. nicht als Metapher wahrgenommen wurde.

Zweifellos besteht das Problem nun darin, was als Begründung einer Meinung gelten darf. Das ist eine Frage, welche die Fachleute zu entscheiden haben, im gemeinsamen Gespräch – wobei wiederum strittig ist, wer ein Fachmann ist. Es bilden sich Wissensgemeinschaften, in denen de facto entschieden wird, wer zu den Fachleuten gehört (und wer nicht) – und wenn solche Entscheidungen nicht willkürlich oder aufgrund von Beziehungen getroffen werden sollen, dann müssen sie an ein Verfahren und an die Kenntnis und kompetente Anwendung von Methoden gebunden sein. – Freilich wechseln auch Methoden …

In praktischen Fragen, wo man sich nicht einigen kann, wer der beste Fachmann ist, wo man aber auch nicht Zeit für endlose Debatten hat (wie beim Palaver im Busch), sondern handeln muss, wird abgestimmt: Die Mehrheit entscheidet. Sie hat nicht Recht, sie stellt nur die Mehrheit dar; wer Recht hat, kann in absehbarer Zeit nicht mit Sicherheit festgestellt werden – das weiß man bestenfalls hinterher.

In der Schule ist der Lehrer im Idealfall der Fachmann, der sein Amt in einem geordneten Verfahren erworben hat, der die Methoden kennt und sie den Schülern vermittelt – dann können diese auf der Basis der Methoden dem Lehrer widersprechen und auch Recht haben (bekommen). Die einfache Forderung jedoch, man müsse auch andere Meinungen gelten lassen, hat in der Schule nichts verloren. – Eine andere Frage ist natürlich, ob man einen Schüler lächerlich machen darf, der nur eine Meinung vorträgt oder der eine Meinung falsch begründet. Gerade der zweite Fall ist didaktisch meist wertvoll: Er zeigt, wie ein Schüler denkt, und er gibt Gelegenheit, ein Missverständnis aufzuklären: den Quellpunkt des Fehlers aufzudecken. Also: ein Lob fürs Denken, Anerkennung für den Mut der Äußerung, eine 2 für einen guten, wenn auch falschen, jedoch begründeten (also bedachten) Beitrag zum Unterricht.

Ein ganz anderer Fall liegt vor, wenn beide Seiten nur eine Meinung vertreten; dann muss man auch die andere Meinung „gelten“ lassen, d.h. ihr den gleichen Wahrheitsrang wie der eigenen Meinung zuerkennen. Aber wer ist schon imstande zu sehen, dass er oft nur eine Meinung vertritt, und wer ist imstande, andere Meinungen dann als gleichwertig gelten zu lassen? Beispiel: Alle Religionen haben den Charakter von Meinung, aber zumindest die drei monotheistischen Religionen unseres Bereichs sehen sich selbst als geoffenbart, die anderen als irgendwie minderwertig an, während jeder Außenstehende mit Lessing, seinen Vorläufern und Nachfolgern sagt: Ihr seid allesamt betrogene Betrüger.

Fazit: Die griechische Unterscheidung „meinen/wissen“ ist nicht schlecht, aber im praktischen Leben schwer anzuwenden – weil der Begriff der Methoden weithin unbekannt ist und der Egozentrismus Einsicht verhindert. Was haben die Christen (Katholiken) nicht für einen Aufwand mit dem Dreischritt demonstratio religiosa / christiana / catholica betrieben, um zu beweisen, dass sie halt die Besten, sogar die einzig Richtigen sind (das nannte man früher Fundamentaltheologie). Ich glaube, man musste als Priester sogar beschwören, dass man glaubte, dass sich der Katholizismus als einzig wahr beweisen lasse … Typischer Fall von Münchhausen: sich am Glauben und durch Schwören aus dem Problem des Beweisens resp. dem Sumpf der Unwissenheit und des Zweifelns herausziehen!
Vermutlich wird man den Respekt vor dem Menschen ebenfalls als Maxime einführen müssen, begründet in der Unterscheidung „Mensch / Meinung“. Vielleicht genügt auch, nicht über die andere Meinung zu urteilen, wenn man nicht begründet urteilen kann? Oder doch zu urteilen, ohne den Respekt vor dem Menschen zu verlieren?

Vgl. auch https://norberto68.wordpress.com/2011/05/11/unterrichtsgesprach-oder-unterricht-als-gesprach/

„Begreifen die Leute denn wirklich nicht, daß zur Erlangung einer eigenen Meinung vor allen Dingen Arbeit gehört, eigene Mühe, eigener Versuch in einer Sache, eigene Erfahrung! Ohne eigene Mühe wird nie etwas erworben.“ (Stepan Trofimowitsch, in Dostojewski: Die Dämonen. Übersetzt von E. K. Rahsin, Piper 1999, S. 51)

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