das Rückgrat stärken

Eine unserer wesentlichen Aufgaben als Lehrer besteht darin, den Kindern und Jugendlichen das Rückgrat zu stärken: sie zu ermutigen, mit Begründungen (selbst dem Lehrer) zu widersprechen und auch allein eine Position zu vertreten.

Immer wieder habe ich in der Sek. I die Erfahrung gemacht, dass jemand ausgelacht wird, wenn er als einziger eine Meinung vertritt – sagen wir zur Frage, wohin es am Wandertag geht oder was ein bestimmtes Wort bedeutet. Da geschieht aus Gruppenzwang das, was unter Tieren „ausmerzen“ heißt; die alten Studien von Rudolf Bilz (Wie frei ist der Mensch?) sind dazu immer noch lesenswert. Wenn wir nicht einfach nach den Regeln der Affengesellschaft leben wollen (James Krüss: Willst du ein rechter Affe sein, dann brauchst du keine Schule…), dann sollte in unseren Schulen zu lernen sein, wie man menschlich lebt: wie man seine Meinung vertreten kann, dass man aber auch den anderen seine Meinung vertreten lassen muss. „Keinen auslachen!“ ist deshalb ein ganz wichtiges Prinzip unseres täglichen Umgangs.

Warum ich dieses Prinzip für so entscheidend halte, ergibt sich aus der Aussage des Jugendlichen Danny (17), der zusammen mit P. und R. wegen der Ermordung eines Mithäftlings (in der JAV Siegburg) vor Gericht steht. Er sagte am ersten Tag der Verhandlung: „Eigentlich wollte es in Wirklichkeit keiner von uns. Immer wieder mal hat einer gesagt, wir sollen aufhören. Aber dann haben die anderen gesagt, das geht nicht. Keiner wollte als Feigling dastehen.“ (SZ 2. August 007)
Hier zeigt sich, wo das normale Problem der Freiheit liegt: in der Schwierigkeit, das zu tun, was man selber eigentlich will – gegen den Druck „der anderen“, und das Image des „Feiglings“ auszuhalten, also den Mut zu haben, in der Gruppe allein dazustehen. Die Hirnforscher mögen weiter ihre schlauen Artikel über Freiheit schreiben, das ist ja auch nicht schlecht; aber vorrangig müssen wir unsere Kinder und Jugendlichen befähigen, das zu sagen und zu tun, was sie selber wirklich für richtig halten.
Und um das zu können, müssen wir selber einüben, das zu sagen und tun, was wir für richtig halten, statt mit den Wölfen zu heulen, mit den Kollegen zu maulen, mit den Machos zu witzeln, mit den Gutmenschen anzuklagen und mit den Parteigenossen zu jammern.
Vgl. den Aufsatz http://also.kulando.de/post/2007/08/08/wo_steckt_das_bose

Wir sind hier wieder bei dem, was oben unter „Sachlichkeit“ postuliert und besprochen worden ist und was Voraussetzung intellektueller Zusammenarbeit ist:
– dass man selber sucht (denkt) und nicht bloß anderen nachplappert (und als Lehrer nicht das Nachplappern zulässt!);
– dass man den Mut hat, eigene Funde mitzuteilen, damit sie diskutiert (und eventuell verworfen) werden, ohne dass man sich schämen muss, wenn ein Fund die Kritik nicht überlebt;
– dass echte Funde anerkannt werden, auch dann, wenn sie von einem Schüler oder Assistenten gemacht worden sind (statt vom Häuptling).
Diese drei Bedingungen hat bereits Peter R. Hofstätter (Individuum und Gesellschaft, 1973, S. 209 ff.) formuliert.

Ein praktischer Tipp fürs Unterrichten
Als Lehrer stelle ich gelegentlich Fangfragen – sorry, ich muss mich noch ans Perfekt gewöhnen: habe ich Fangfragen gestellt, damit die Schüler nicht immer blind in die Richtung rennen, die ich durch meine Fragestellung (und den Ton, in dem ich diese bewerte) vorgebe; damit sie also lernen, auch meine Fragestellung noch einmal zu bedenken (zu befragen; modern heißt es wohl „hinterfragen“). So habe ich zum Beispiel bei Diktaten, in denen 7 Kommas vorkommen, dann ernsthaft gefragt, wo man das achte Komma setzten muss…
(Zur Erklärung des Perfekts: Mit Wirkung vom 31. Juli 007 bin ich pensioniert.)
Zweiter praktischer Tipp: Wer mir einen sachlichen Fehler oder ein Versehen nachgewiesen hat (also nicht einen R-Fehler an der Tafel), hat sofort eine 1 angeschrieben bekommen, in nicht ganz klaren Fällen eine 2. Denn wer an einer Stelle besser als der Lehrer ist, muss doch 1 sein, oder?

Von der anderen Seite aus gesehen heißt „das Rückgrat stärken“: Selbstbewusstsein gewinnen (http://www.selbstbewusstsein.com/). In Dietrich Dörner: Bauplan für eine Seele (1998/2001), wird systematisch rekonstruiert, in welchen Schritten man ein autonomes Wesen werden (entstehen lassen) kann. An einer Stelle der „Entwicklung“ wird das Erleben von Lust beim Handlungserfolg wichtig, damit erfolgreiches Handeln gelernt wird, damit also Handlungsmotive sich ausbilden können. Solches Lusterleben, bemerkt Dörner nebenher (S. 56), sei auch die Basis dafür, dass sich Selbstvertrauen aubildet und damit die Bereitschaft, aggressiv gegen Bedrohungen vorzugehen, statt zu fliehen; ebenso sei es wichtig, Unlust zu erleben, um bestimmte Gefahren zu meiden, und Misserfolge, um längere Handlungsketten aufzubauen.
In der Praxis wird es darauf ankommen, als Erziehender eine (goldene) Mitte zwischen Gewähren und Versagen zu finden: alles gewähren, das macht einen zum Muttersöhnchen; alles versagen, das vernichtet einen Menschen in Frustration.

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