Aufmerksamkeit – ein kostbares Gut

Zwei Anlässe gibt es für diesen kleinen Artikel: Einmal habe ich in einem Kurs Kl. 11 bei den zu analysierenden Sachtexten den gedanklich eher schlichten, weil bloß Literatur referierenden Aufsatz „Beachte mich!“ von Ursula Nuber (Psychologie Heute, Juli 2001, S. 20 ff.) auszugsweise gelesen und besprochen; er gehört zu den Aufsätzen, in denen Themen behandelt werden, die sowohl Schule wie auch das Leben der Schüler betreffen. Nubers Aufsatz geht in die Richtung, wie man sich selbst darstellen kann (soll), um Aufmerksamkeit zu bekommen. Einer der wichtigen von Frau Nuber berücksichtigten Titel ist Georg Franck: Ökonomie der Aufmerksamkeit, München 1998; Techniken der Selbstdarstellung, mit denen man Aufmerksamkeit gewinnen kann, vermittelt H. D. Mummendey: Psychologie der Selbstdarstellung, Göttingen 1995. – Im Anschluss an diese U-Episode habe ich mich im Netz einmal umgesehen, was es dort unter dem Stichwort „Aufmerksamkeit“ zu lesen gibt.

Die zweite Episode war ein sogenannter Förderkurs Rechtschreibung (Kl. 5, einstündig), der für das 2. Halbjahr 2006/07 erfunden wurde, weil die Kinder ja gefördert werden müssen („fordern und fördern!“) [sowie damit eine neue Kollegin und ich unser Stundenkonto legal erhöhen konnten?]. Zum Misslingen des Kurses trug bei, dass die Kinder zweier Klassen in eine bessere und eine schlechtere Hälfte aufgeteilt wurden, damit sie derart sortiert Rechtschreibung üben sollten.
Was an den Kindern meiner Gruppe, den sogenannten schwächeren Schülern auffiel, war, dass sie kaum zuhören konnten und dass es schwierig war, überhaupt vernünftig anzufangen; das kam u.a. auch daher, dass die Schüler sich nicht in ihrer normalen Sitz- und Sozialordnung bewegten, sondern eben zusammengewürfelt waren – das Gleiche galt für die andere Hälfte, welche von der Kollegin B. betreut wurde; es galt aber nach Aussage der Klassenlehrer auch schon für die Kinder in ihrer normalen Umgebung.
Was habe ich getan? Zuerst habe ich in jeder Stunde eine Geschichte vorgelesen (Märchen zu den Übungsdiktaten über Märchen, dann auch andere bis hin zum „Bär auf dem Försterball“); dann haben wir ein Übungsdiktat gemacht (ca. 60-70 Wörter, mit Korrektur), anschließend haben wir Rätsel gelöst. Ich habe also versucht, Aufmerksamkeit zu gewinnen und die Kinder zu einer inneren Ruhe oder Konzentration zu bringen, mit mehr oder weniger Erfolg.

Vor aller Rechtschreibung müsste in den beiden Klassen diese Konzentration geübt werden: Wie komme ich zur Ruhe, wie fangen wir den Unterricht in Ruhe an? Dem dienen ja die bekannten kleinen Rituale: zur Begrüßung aufstehen; aufhören zu kramen; sich anschauen; sich begrüßen; danach mein „Bitte sehr“ als Aufforderung sich zu setzen – und in meinem Deutschunterricht bis Kl. 7 einschließlich mit beinahe absoluter Regelmäßigkeit der erste Satz: „Als ordentliche Menschen beginnen wir heute mit dem Übungsdiktat; nehmt bitte etwas zum Schreiben heraus!“ Und dieses Schreiben ist dann wirklich ein Versuch, sich auf einen sinnvollen Text Satz für Satz zu konzentrieren, um danach bei der Korrektur Zeit für einen leisen Austausch und Plausch mit dem Nachbarn zu haben, um anschließend gemeinsam den oder die beiden „Fehler des Tages“ im Plenum zu besprechen.

Die große pädagogische Aufgabe vor allen fachlichen Bemühungen: Wie helfe ich den Schülern, zur Ruhe zu kommen? Wie gewinne ich ihre Aufmerksamkeit für die Sache, um die es uns geht? Wann muss und wie kann ich ihnen sinvoll Gelegenheiten, sich zu entspannen, geben? Aufmerksamkeit ist jedenfalls ein knappes Gut; um unsere Aufmerksamkeit wird täglich gekämpft (Mitschüler, Lehrer, Werbung, Medien…); ich kann sie als Lehrer nicht voraussetzen, ich muss mich darum bemühen.
Erste Aufgabe für Schüler: Höre doch bitte zu! Lies bitte die Aufgabenstellung genau!
Auch dazu gab es in der „Psychologie Heute“ einen Aufsatz, und zwar von Sylvia Meise: „Hör doch mal zu!“ (Juli 2003, S. 46 ff.)

Was man im Netz unter dem Stichwort „Aufmerksamkeit“ findet, ist meistens Wissenschaft; es gibt aber auch praktische Tipps und Übungen (im Zusammenhang mit AHDS) – hier eine geprüfte und gereinigte Liste meiner Funde:
http://www.zeller-beratungen.ch/content/PDF/Stellefant.pdf (einfach, gut zur Einführung, vertieft: http://www.neuropaedagogik.de/html/aufmerksamkeit.html, locker http://www.zeit.de/2011/18/Aufmerksamkeit)
http://de.wikipedia.org/wiki/Aufmerksamkeit (gute Basis, noch unfertig)
http://www.kommdesign.de/texte/aufmerk1.htm (und folgende, in der Serie: http://www.kommdesign.de/texte/animation.htm)
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEDAECHTNIS/Aufmerksamkeit.shtml
http://www.panikattacken.at/aufmerksamkeit/aufmerk.htm (Arzt, mit kostenpflichtiger Beratung)
http://www.wissenschaft-online.de/abo/lexikon/neuro/1072 (wissenschaftl. Theorie, etwas einfacher http://www.neuro24.de/show_glossar.php?id=197)
http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at:4711/LEHRTEXTE/Singer.html (Interview P. Singer)
http://www.adhs.ch/ (Links, ebenso http://www.lexikon-psychologie.de/Aufmerksamkeit/)

Die folgenden pdf.s gehören auch dazu: www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B8_2001_Doebler_Stark.pdf
http://wikis.zum.de/vielfalt-lernen/images/c/ca/Aufmerksamkeit_foerdern.pdf
http://www.jp.philo.at/texte/RolfT1.pdf

P.S. In der SZ vom 6. August 007 berichtet Werner Kurzlechner („Dösen bis zur Pause“, S. 16) über die Arbeit einer Forschungsgruppe der Münchener LMU, die unter der Leitung von Thomas Götz die Langeweile in der Schule untersucht; Merle Gith hat über Bewältigungsgungsstrategien der Schüler eine Magisterarbeit geschrieben. Das Ergebnis dieser Untersuchungen, soweit es referiert ist, geht nicht über das hinaus, was jeder Lehrer ohnehin weiß.
Der gute Privatdozent Götz empfiehlt den Schülern, sich auf langweiligen Untericht einzustellen, wie Kurzlechner berichtet: „Wer zum Beispiel unterfordert ist, könne für sich komplexere Varianten durchdenken als die, um die sich der Unterricht gerade dreht.“
Wenn ich ehrlich bin, kenne ich kaum einen Schüler, der sich in meinem Unterricht gelangweilt hat und imstande gewesen wäre, sich komplexere Varianten auszudenken; meine Aufgabe war es immer, Einsichten zu vereinfachen.
Das Verhältnis von Aufmerksamheit und Langeweile, Lehrer und Klasse ist vermutlich komplexer, als es aus Kurzlechners Bericht hervorgeht. Der gleiche Lehrer (ich) kann mit seinem Stil die eine Klasse begeistern (Unterricht war immer interessant, Witze gemacht und auch gespielt, Kl. 6), die andere zu Tode langweilen (Kl. 10); jede Klasse hat und ist auch ihre Geschichte… solche Phänomene werden in der LMU-Psychologie aber nicht erfasst, denke ich.

Randbemerkung zum Thema „Witze machen“: Natürlich soll man als Lehrer (kleine) Witze machen und auch Witze der Schüler zulassen. Als junger Lehrer habe ich wesentlich mehr Witze gemacht als später: aus der Erfahrung, dass ich als Lehrer viel schneller als eine aufgedrehte Klasse zum Thema zurückkehren kann; Witze darf man nur in Maßen machen, resp. es muss klar sein, dass mal ein Witz gemacht und dann wieder gearbeitet wird. Aber das ist Atmosphäre in der Klasse, das spüren die Kinder halt… Mit meiner 6a konnte ich im Schuljahr 2006/07 das Lied vom „Durchlauferhitzer“ singen, danach war es wieder gut, dann wurde gearbeitet.

P.S. Am 4. März 08 habe ich eine Linksammlung übers Zuhören (- eine Kunst kultivieren!) veröffentlicht: http://norberto42.kulando.de/post/2008/03/04/zuhoren bzw. https://norberto68.wordpress.com/2011/05/29/zuhoren-kultivieren/. „Von der Kunst des Zuhörens“ handelt eine der Reden in Adam Müllers  „Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfall in Deutschland“ (1812), 1967 von Walter Jens neu herausgegeben.

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