Unterrichtsgespräch oder Unterricht als Gespräch?

Das Gespräch zwischen Sokrates und dem Sklaven Menon (Platon: Menon 81 c ff.) gilt als Mutter der Theorie des fragend-entwickelnden Unterrichtsgesprächs. Der Sklave Menon „weiß“, ohne es selbst zu wissen, was eine Quadratwurzel ist; des Sokrates Kunst besteht darin, dieses „Wissen“ durch geschicktes Fragen aus Menon hervorzulocken.

In Wirklichkeit hat Menon natürlich nichts verstanden, sondern nur gelenkt richtige Wörter und Sätze gesagt. Das fragend-entwickelnde Unterrichtsgespräch, sofern es nur auf die Produktion richtiger Wörter und Sätze aus ist, führt zu keinen anderen Ergebnissen als des Sokrates Menon-Gespräch.

Etwas anderes ist ein Unterrichtsgespräch, sofern es Gespräch ist, also Dialog. In einem solchen Gespräch geht es um einen Austausch von Argumenten, um gegenseitige Prüfung von Gründen, Positionen und Perspektiven. In einem solchen Gespräch kann die jeweilige Einsicht, auch die des Lehrers, überholt werden – wenn auch der normalerweise gegebene „Wissensvorsprung“ des Lehrers nicht geleugnet werden soll. In einem solchen Gespräch ist es kontraproduktiv, wenn jemand verlangt, man müsse auch „eine andere Meinung gelten lassen“ und sich mit dieser Toleranz-Forderung dem Ringen um Einsicht entzieht (http://norberto42.kulando.de/post/2009/02/13/eine-andere-meinung-gelten-lassen). „Ich verwandle mich im Verlauf der Geschichte eines Dialogs, an dem ich teilnehme, indem ich durch die in dessen Geschichte waltende innere Notwendigkeit dazu herausgefordert werde, einen bestimmten Stand zu behaupten und eine Perspektive auszuleuchten, die mir vorher nicht begegnete Sachen erschließt. So erweist sich der Dialog als Übergang von einem Stande zum nächsten, als Aufsteigen auf einer Leiter.“ (Friedrich Kaulbach: Einführung in die Metaphysik, 1972, S. 95)

Schüler, die nur auf ihre Note statt auf die Sache aus sind, und Lehrer, die nur auf Abspulen eines Pensums statt auf die Sache aus sind, führen kein Gepräch, auch wenn sie ein „Unterrichtsgespräch“ vorführen. Lehrer, die bereits vorher wissen, dass sie Recht haben, und Schüler, die bereits vorher wissen, dass man ihre Meinung gelten lassen soll, führen kein Gespräch miteinander.

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