Tagebuch schreiben, Tagebucheintrag verfassen

Diese produktive Aufgabe (für den Unterricht) soll hier am Beispiel von Richter: Damals war es Friedrich, erklärt werden.

Die Schreibaufgabe „einen Tagebucheintrag verfassen“ bedeutet zunächst:
– (in der Regel) auf den Tag oder die Ereignisse (Erlebnisse) einiger Tage zurückblicken; der Schreiber ist also nicht mehr in der Situation des Erlebens und Handelns, hat zumindest zeitlich Distanz gewonnen (anders als beim Monolog im Drama, wo meistens eine Entscheidungssituation vorliegt);
– das, was ihm wichtig ist, schriftlich festhalten, und zwar in einer geordneten Form [wobei man allerdings später auch etwas ergänzen darf: „Ach, da fällt mir noch ein…“]; hier wird also stärker als bei einer rein inneren Reflexion geordnet und in Sätzen geschrieben;
– dabei kommen die eigenen Empfindungen des Schreibers stark zur Geltung (Ich-Form!), weil er sich ja nicht wie sonst in der Öffentlichkeit kontrollieren muss;
– er wird zwar auch die Ereignisse berichten, aber doch eher bedenken, was sie ihm bedeuten: Er bewertet die Erlebnisse;
– er kann mit einem Ausblick schließen, wenn er nicht vorher schon Ahnungen, Wünsche, Ängste geäußert hat: was er für die Zukunft erhofft oder befürchtet, vielleicht auch ganz einfach erwartet. Er kennt zu diesem Zeitpunkt aber die Zukunft noch nicht!

Möglichkeit: Die Schreibaufgabe ist mit einem Perspektivenwechsel verbunden (des Ichs Mutter schreibt am Abend des Reibekuchenfestes ins Tagebuch); dann musst du vorher dem Text entnehmen, wie sie wohl die Ereignisse erlebt hat: Sie hat ihren Sohn ermahnt, den fremden Jungen reinzulassen…; sie backt mit den Kindern Reibekuchen, was sie nur zu Festen tut [hier also zur Belohnung dafür, dass die beiden sich angefreundet haben]…

In der neuen Perspektive hast du natürlich einen großen Spielraum: Die Mutter kann an ihren Schwiegervater und seine Abneigung gegen Juden denken, falls sie diese schon kennt – im Tagebuch kann sie dazu ganz unverblümt Stellung nehmen (Wir lassen uns von dem alten Starrkopf nichts vorschreiben, auch wenn wir auf sein Geld angewiesen sind… oder: Wir müssen ein bisschen vorsichtig sein, weil wir auf sein Geld angewiesen sind…). Sie könnte sich auch sorgen, dass ihr Mann ihr Vorwürfe machen wird, weil sie „ohne Grund“ Reibekuchen gebacken und ihm nicht mal einen verwahrt hat. – Niemand kann dir vorschreiben, was die Frau denken muss, sofern du die Textsignale über die Mutter und ihre Einstellung beachtet hast; denn im Roman liegt nur des Ich-Erzählers Sicht vor!

Wenn man den Ich-Erzähler selber [d.h. ohne Wechsel der Perspektive] an einem bestimmten Tag einen Eintrag ins Tagebuch machen lässt, hat man dessen späteres Wissen und seine späteren Erlebnisse einzuklammern und zu prüfen, was er genau zu diesem Zeitpunkt weiß und fühlt – eine weniger anspruchsvolle Aufgabe; denn das läuft ja beinahe auf eine bessere Nacherzählung hinaus, und darum geht es bei der Schreibaufgabe ‚Eintrag ins Tagebuch‘ eher nicht. Sinnvoll ist diese Aufgabenstellung, wenn aus einer anderen Perspektive erzählt wird oder Figuren in einem Drama handelnd auftreten, von denen dann eine ihre persönliche Sicht im Tagebuch darlegt.

Merkmale des Tagebucheintrags:
Perspektivierung des Geschehens
Subjektivierung des Erlebens (mit Bewertung)
Erinnerung und Reflexion des Schreibers
Offenheit des Schreibers
geringe zeitliche Distanz zum Geschehen
keine Kenntnis der Zukunft

http://de.wikipedia.org/wiki/Tagebuch
http://lotman.twoday.net/files/lindner_tb_definition (Def.)
www.daf-online.hu/kre/Grammatikvermittlung.pdf (als didakt. Mittel)
http://www.lwl.org/LWL/Kultur/mein_18_November/geschichte/
http://www.ursula-boeing.de/arbeitshilfen.htm (T. beim Forschen)
http://www.provinz.bz.it/intendenza-scolastica/hermeneutik/downloads/addition.pdf
http://www.kultur.uni-hamburg.de/volkskunde/Texte/Vokus/2000-1/tagebuch1.html (Volkskunde – Kulturanthropologie)
http://www2.adwmainz.de/nossack/Tagebuch.htm (T. Nossacks)

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