Reflexion (Gedanken) einer literarischen Figur schreiben

Zu den Segnungen der modernen Didaktik des Faches Deutsch gehört die Möglichkeit, auch in der Sek. II produktionsorientierte Aufgaben zu stellen. Was lässt man also schreiben – mit der Möglichkeit, dieses Produkt auch noch beurteilen zu können? Einer meiner Versuche, hier etwas Sinnvolles anzubieten, ist die Aufgabenstellung: die Reflexion einer literarischen Figur produzieren.

Wenn man dieser ungewohnten Aufgabenstellung begegnet, sollte man zuerst überlegen, wie man die Aufgabe angehen und bearbeiten kann.
Ehe man überlegt, was diese Figur denkt, sollte man deshalb klären,
1. wie Denken vonstatten geht, wie man also denkt, und
2. was für eine Figur das ist, deren Reflexion produziert werden soll.

Überlegungen zur Frage, wie man denkt:
– assoziativ, also Stichworte aufgreifend;
– manchmal systematisch: in einer Folge von Schritten (wenn – dann);
– situations- und handlungsbezogen;
– Alternativen erwägend, prüfend;
– stark wertend;
– subjektiv ehrlich (also auch eigene Lebenslügen glaubend);
– offen, d.h. ohne die Schranken sozialer Normen und Kontrolle;
– nicht unbedingt in ganzen Sätzen.

Wenn man zum peinlichen Schweigen, das bei der neu angesetzen Verlobung Evas mit Matti eintritt (Brecht: Herr Puntila…, Bild 9 – es 105, S. 98), den Probst reflektieren lässt, muss man außerdem den Probst als Figur erfassen; man also wissen, wie er sonst auftritt [indirekt Bild 7, S. 81; direkt Bild 9, S. 89, 96, 99-101; dann S. 105 und 109 f.; Bild 11, S. 114-116].

Das alles gilt so nur für die einsame Reflexion einer Figur. Bei der Aufgabenstellung: „Eine Figur spricht mit einer anderen“ darstellen gelten natürlich einige andere Bedingungen; man muss hier geklärt haben, wie Menschen miteinander sprechen:
– von Intentionen (Absichten) und Erwartungen geleitet,
– in einer bestimmten Rolle bzw. einem Verhältnis zum anderen,
– sich dieser Rolle im Grad der Offenheit (Ehrlichkeit) und im Sprachstil anpassend,
– insgesamt also: mit einem Bild vom anderen und vom Verhältnis zu ihm,
– das Gepräch eröffnend und beschließend,
– um Verständnis werbend,
– einander zuhörend, aber auch einander unterbrechend,
– den anderen verstehend oder missverstehend,
– mit der Möglichkeit der Rückfrage, der Entschuldigung usw.

Die Kenntnis der Figuren erwirbt man wie vorher durch sorgsame Lektüre und natürlich auch durch eigene Einschätzung; es ist also ein Spielraum des Verstehens vorhanden.

Ich habe übrigens auch schon einmal den Autor reflektieren lassen, ob er im Sinn einer Erzählung dieser nicht einen anderen Schluss geben soll: Das ist eine Aufgabenstellung, die aus den Schülern herauskitzeln soll, was ein Autor sich (etwa) zu einer Erzählung gedacht haben mag.Mehr...

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