Rede zum 50. (51.) Geburtstag – Beispiel

Liebe Renata,
wir feiern heute deinen 50. bzw. genauer deinen 51. Geburtstag; dabei unterscheide ich als staatlich geprüfter Philosoph zwischen dem Anlass und dem Grund des Feierns.

1. Der Anlass ergibt sich aus dem Zehnersystem: Das verdanken wir unter anderem dem persischen Mathematiker Mohammed I, als Chwarismi bekannt, der im 9. Jahrhundert das System der zehn Ziffern als Stellenwertsystem aus Indien importierte. Im Dezimalsystem ist 10 mal 10 = 100 die rundeste Zahl; aber wenn wir mit dem Geburtstagfeiern warteten, bis du 100 wirst, wären viele von uns nicht mehr dabei; wir feiern deshalb bescheidener, wenn die Zahl 50 erreicht ist, also das halbe Hundert.
Würden wir im 2er-System zählen, wie die Computer rechnen, hättest du mit 2 hoch 5 = 32 oder mit 2 hoch 6 = 64 feiern können (oder alle zwei Jahre). Es gibt auch Völker, die im Duodezimal- oder 12er-System rechnen – dann feierten wir vielleicht bei 6 mal 12 = 72; aber wir rechnen als ordentliche Europäer im Zehnersystern und feiern bei 50.

2. Grund der Feier ist jedoch die Tatsache, dass du geboren wurdest;
– für dich: dass du das Licht der Welt erblickt hast;
– für uns: dass du ins Licht getreten bist, dass du da bist bei uns und für uns, wenn auch auf je verschiedene Weise;
– kurz: dass du uns etwas bedeutest.

Was bist du für uns, für uns gewesen und geworden? Ich versuche es gemäß dem Dezimalsystem nach den Dekaden deines Lebens zu ermitteln und dann mit den Worten eines Dichters zu sagen:

* Die erste Dekade war von ERZIEHUNG bestimmt. Da warst du vor allem Merckens-Kind und große Schwester von Barbara und Elisabeth. Du wurdest erzogen, und das nicht nur zu Hause, sondern auch in der Grundschule; der Kindergarten wurde dir erspart, weil man dort nach deiner Mutter Auffassung nicht richtig erzogen würde. Aber du hast auch selber bereits frühzeitig andere erzogen; wie man sagt, hast du Barbara nachts in die Nase gekniffen, wenn sie dich mit ihrem Schnarchen beim Schlafen störte. – Über die Erziehung schreibt Wilhelm Busch:

„Man ist ja von Natur kein Engel,
Vielmehr ein Welt- und Menschenkind,
Und rings umher ist ein Gedrängel
Von solchen, die dasselbe sind.

In diesem Reich geborner Flegel,
Wer könnte sich des Lebens freun,
Würd es versäumt, schon früh die Regel
der Rücksicht kräftig einzubleun.“
(Wilhelm Busch: Nicht artig)

* SELBSTSTÄNDIGKEIT ist das dominierende Thema der zweiten Dekade: Du hast den Kinderchor verlassen, bist auf eigenen Wunsch von der Marienschule zum Neusprachlichen Gymnasium gewechselt (ein revolutionärer Akt!), trugst hot pants und hast dir den ersten Freund, sogar mit langen Haaren, zugelegt. – Über die Möglichkeit selbstständig zu werden, sagt ein Dichter:

„Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern,
Und verstehe die Freiheit
Aufzubrechen, wohin er will.“
(Hölderlin: Lebenslauf)

Die Freiheit zu verstehen fällt nicht immer leicht, einem selber nicht und vor allem nicht den bisherigen Erziehern (wir üben es bei unseren Kindern ja auch erst). So wolltest du einmal im sogenannten Suleika-Kostüm bauchfrei zu einem Karnevalsfest des Kinderchors gehen; aber Tante Erna nähte einen Lappen drauf, damit das Bäuchlein züchtig bedeckt wäre. Den Lappen hast du jedoch später wieder abgetrennt.

* Die dritte Dekade war der AUSBILDUNG gewidmet: Du hast in Köln Mathematik und Geschichte studiert, wurdest u.a. am Stiftisch-Humanistischen Gymnasium als Lehrerin ausgebildet und hast sogar mich geheiratet. Es wäre vieles zu sagen, ich beschränke mich auf unser Verhältnis. Ich denke an deinen entscheidenden Besuch bei mir, wo du das rote Höschen trugst und Himbeersahnekuchen mitbrachtest. Ich erinnere mich an unsere erste Fahrt nach München, wo ich vor lauter Aufregung leere Sprudelflaschen eingepackt hatte; in der Nacht unserer Heimkehr kamst du ins Krankenhaus und wurdest vom gereizten Blinddarm befreit. – Für das Verhältnis der Paare habe ich mehrere Gedichte geprüft:

„In meiner Erinnerung erblühen
Die Bilder, die längst verwittert –
Was ist in deiner Stimme,
Das mich so tief erschüttert?“ (Heinrich Heine)
Das mit der Stimme trifft es nicht ganz; „längst verwittert“ passt dir garantiert nicht. Daher habe ich etwas anderes erwogen:

„Was man will, kann man nicht geben,
und man gibt nur, was man muß,
also gibt man einen Kuß
und man gäbe gern das Leben.“
(R. Borchardt: Mit den Schuhen)

Aus diesem Gedicht spricht sehr viel Gefühl, zu viel für eine öffentliche Feier; deshalb sage ich jetzt nichts mehr und höre auf den Rat von Wilhelm Busch („Pst“):
„Verehrter Freund, so sei denn nicht vermessen,
Sei zart und schweig auch du.
Bedenk: Man liebt den Käse wohl, indessen
Man deckt ihn zu.“

* In der vierten Dekade hast du FESTEN STAND gefunden: Du hast mit mir in Jüchen ein Haus gekauft, bist Mutter unserer zwei Töchter geworden, hast zwei Jahre als Lehrerin in der Innenstadt Duisburg an einer Gesamtschule gearbeitet und bist dann an die Gesamtschule Espenstraße versetzt worden. Schule ist ein Zentrum deines Lebens. Wie geht es an der Gesamtschule zu?

„Ist euch von der denn nichts bekannt?
Da geht es erst um elf Uhr an
mit gar bequemem Schlendrian.
Wer recht viel falsch geschrieben hat,
kriegt eine Tafel Schokolad,
und wer kein Wörtlein lesen kann,
erhält ein groß Stück Marzipan.
Wer wie ein Wilder rauft und tobt,
wird immerwährend nur gelobt
und als ein Muster hingestellt,
weil solch ein Bursche dort gefällt.
Und will der Lehrer etwas fragen,
so braucht man Antwort nur zu sagen,
wenn man bei guter Laune ist.
Als Bester gilt, wer viel vergisst
und in dem ganzen Unterricht
stets schläft und nie was Kluges spricht.“
(Franz Bauer: Die Schule im Schlaraffenland)
Halt, ein kleines Versehen muss ich noch korrigieren, auch wenn Hermann zumindest oft sagt, so ginge es schließlich an jeder Schule zu – das war kein Gedicht von der Gesamtschule, sondern von der Schule im Schlaraffenland, schon wegen des Reimes muss es so sein:
„Die Schule im Schlaraffenland:
Ist euch von der denn nichts bekannt?“

* In der fünften Dekade gab es FORTSCHRITTE: Wir haben an Haus und Garten gebastelt und nach den drei Rohrbrüchen das Souterrain neu gestaltet; unsere Kinder haben Abitur gemacht, Eva studiert schon ein Jahr; und du bist Abteilungsleiterin an der GS Espenstraße geworden.
Gesamtschule und Ganztagsschule, das steht nach PISA für pädagogischen Fortschritt; aber mit dem Fortschritt ist nicht ganz so einfach, wie die Theoretiker des Fortschritts sich das ausdenken. Ich glaube, du hast ein ganz pragmatisches Verhältnis zu diesem Fortschritt, zu den Schülern und Kollegen, mit denen du täglich zu tun hast, gewonnen. Ich übersetze ein Gedicht von Günther Fuchs frei ins rheinische Platt, so wie ich es gelernt habe:

„Der Fortschritt
hät ken Lost,
no mech de kicke.
On wat mech aanjeet,
han ech ken Lost,
no höm de kicke.
Di kleene Lüüt
kommen ens
et ieschte dran.“
(N.T., nach Günter Bruno Fuchs: Schularbeiten)

Liebe Renata, wir gratulieren dir zum Geburtstag,
danken dir dafür, was du für uns bist und tust,
und wünschen dir noch einige Dekaden gesunden Lebens und Schaffens.

[Eine andere Idee für Reden zu runden Geburtstagen findest du hier!]

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