Sprechakte – sprachliches Handeln

„Oft ist schon viel geholfen, wenn ihr freundliche Worte findet, denn Worte können verletzen – oder helfen.“ (Max von der Grün) Natürlich weiß das jeder, weshalb ich auch auf das Zitieren eines Autors verzichten könnte – aber es zu denken ist schon etwas schwieriger. Was zu denken? Dass man mit Worten etwas tun kann; denn genau genommen verletzen nicht die Worte, sondern der Sprecher verletzt einen anderen mit seinen Worten. Damit sind wir beim Begriff des sprachlichen Handelns bzw. des Sprechaktes.
Wenn es ins Begriffliche geht (hier nach Searle), also theoretisch wird, klingt das (komplizierter) so: Der Sprechakt sei die elementare Einheit sprachlicher Kommunikation; man bezeichne damit eine sprachliche Äußerung, mittels derer in einer Situation sozial etwas getan werde, indem zwischen den Kommunkationspartnern zweiseitige Beziehungen hergestellt werden.
Einfacher gesagt und noch einmal am Beispiel (1) demonstriert:
(1) Astrid steht mit Benno am Straßenrand und sagt zu ihm, als sie gerade die Straße überqueren wollen: „Da kommt ein Auto!“
* Erklärung: Damit warnt Astrid ihren Benno vor einer Gefahr; sie hält ihn davon ab, ohne Überlegung loszugehen.
* Analyse:
– Situation ist: ‚Astrid steht mit Benno am Straßenrand und sagt zu ihm, als sie gerade die Straße überqueren wollen‘
– Astrid macht den Mund auf und sagt einen deutschen Satz (Äußerung): Dies ist ein Akt des Sprechens, ein lokutiver Akt.
– Rein inhaltlich spricht Astrid die Tatsache aus, dass sich ein Auto nähert: Dies ist der propositionale Akt [oder der prosositionale Aspekt des Sprechaktes].
– Astrid möchte den Benno warnen, also auf ihn kommunkativ einwirken: Dies ist der illokutionäre Akt; dies kann sprachlich glücken (oder nicht – aber da Astrid gut Deutsch kann, glückt ihr dieses Warnen).
– Benno lässt sich von Astrid warnen. Dies ist der perlokutive Akt; Astrid hat mit ihrer Äußerung ihr Ziel erreicht, die Warnung ist bei Benno „richtig“ angekommen, also gelungen.
– Man kann also bei dem einen Sprechakt vier Aspekte oder Akte unterscheiden.
Am Beispiel (2) kannst du die Theorie noch einmal durchspielen:
(2) Chris sitzt mit Daniela auf einer Parkbank und hält zum ersten Mal ihr Händchen; dabei sagt er: „Du hast mir schon immer gefallen.“ [Wahlweise kannst du hier auch andere Äußerungen einsetzen.] Frage: Werden sie sich gleich küssen?
Weitere Hinweise:
* Mit den Pronomina der 1. und 2. Person (ich, wir, du, ihr, mein, unser, dein, euer) und Hinweisen auf die Situation der Gesprächspartner (hier, jetzt, gestern, dort usw), also den deiktischen Elemente (von griech. deiknymi: ich zeige auf etwas) wird direkt auf außersprachliche Sachverhalte der Situation Bezug genommen oder auf diese verwiesen; sie sind für die pragmatische Untersuchung einer Äußerung oft wichtig.
* Man unterscheidet verschiedene Möglichkeiten, eine Äußerung bzw. ihre Elemente zu untersuchen:
– syntaktisch: Ich interessiere mich für die Regeln, nach denen die Zeichen (Wörter) miteinander kombiniert werden.
– semantisch: Ich achte vor allem auf die Beziehungen zwischen den Zeichen und den Gegebenheiten der Welt, auf die sie verweisen (‚Bedeutung der Zeichen‘).
– pragmatisch: Ich untersuche, was der Sprecher mit seiner Äußerung tut (oder tun will).
* Verben, mit denen man Sprechakte bezeichnet, heißen performative Verben (drohen, versprechen usw.); mit ihnen kann man den Sprechakt selbst unter bestimmten Bedingungen vollziehen („Ich verspreche dir…“; nicht aber: „Er versprach mir…“, das ist nur ein Bericht.).
* Achte also immer, wenn du Sprechakte verstehen willst, darauf, wer die sprachlich handelnde Größe ist; das ist bei Gedichten und Dramen nicht der Autor, sondern der jeweilige „Sprecher“! Bei Aufsätzen und Sachbüchern ist es dagegen der Autor, bei Erzählungen und Romanen wiederum der Erzähler; man darf also bei fiktionalen Texten den Erzähler, das lyrische Ich oder eine Dramenfigur nicht mit dem Autor verwechseln!
* Beachte auch den Unterschied zwischen dem illokutiven und dem perlokutiven Akt: Ein bestimmte Wirkungsabsicht muss nicht erfolgreich sein, wie du aus eigener Erfahrung weißt – du beachtest oft genug die Mahnungen deiner Eltern nicht! Ob also ein sprachliches Handeln erfolgreich ist, ob der Sprecher sein Ziel erreicht hat, muss man empirisch feststellen. Überspiele deshalb auch in deinen literarischen Analysen diese Einsicht nicht!
* Es dürfte jetzt auch klar sein, dass ein bloße Reproduktion oder Umschreibung des „Inhalts“ (propositionaler Akt) niemals als Analyse genügt und auch nicht bezeugt, dass du als Leser etwas verstanden hast! Du kannst Verständnis nur durch Analyse der illokutiven Akte (bei Dramen zusätzlich: der perlokutiven Akte) nachweisen.

Noch ein Versuch zu erklären, was sprachliches Handeln ist:
In Brechts „Leben des Galilei“ sagt der sehr alte Kardinal zu Galilei: „So, sind Sie das? Wissen Sie, ich sehe nicht mehr allzu gut, aber das sehe ich doch, daß Sie diesem Menschen, den wir seinerzeit verbrannt haben – wie hieß er doch? – auffallend gleichen.“ (es 1, S. 61 f.)
Ich frage jetzt nicht: Was sagt der Kardinal? Das kann jeder Schüler des vierten Schuljahrs mehr oder weniger fehlerfrei lesen und auch „inhaltlich“ verstehen. Ich frage vielmehr: Was tut der Kardinal, indem er dies zu Galilei sagt? Er droht ihm mit dem Verbrennen. Woher weiß ich das? Der Kardinal sagt, dass Galilei dem einst verbrannten Giordano Bruno auffallend gleiche; damit will er jedoch nicht ausdrücken, dass er ihm den Frisör oder Schneider Giordanos empfehle – er sagt ja ausdrücklich, dass er nicht mehr gut sehen könne. Das Gleichen wird damit von der körperlichen Statur auf die Person selbst und ihr Agieren verlagert: Galilei ist ein Ketzer, darin gleicht er ihm, deshalb droht ihm dann auch das gleiche Schicksal wie Giordano; resp. der Kardinal droht es ihm an.
Man kann diese Überlegung schon auf der Grundlage des Bühlerschen Organon-Modells verstehen: Neben dem Inhaltsaspekt gibt es den Aspekt, dass man dem anderen etwas von sich (Ausdruck) signalisieren will und etwas für ihn (missverständlich Appell genannt): Von sich signalisiert der Kardinal, dass er Macht hat oder zu einer Organisation gehört, die Macht über Leben und Tod besitzt; den Galilei betreffend deutet er an, dass ihn das gleiche Schicksal wie den Giordano treffen kann, weil er diesem ja gleicht. Die beiden letzten Aspekte der Äußerung (ich habe Macht – mein lieber Freund, du gleichst Giordano, d.h. dich erwartet dessen Schicksal) nennt man zusammen: drohen.
Das Drohen geschieht auf der Beziehungsebene, indem inhaltlich (Inhaltsebene) in dieser Situation vom Kardinal gegenüber Galilei diese Äußerung getan wird; man muss also die Situation (Streit um das richtige Weltbild, Kampf mit allen Mitteln) und die Position der Figuren (Kardinal als Machthaber – Galilei als eigensinniger Forscher) kennen und beachten, um zu verstehen, was in der Äußerung geschieht; durch die Reproduktion des Inhalts erfasst man sie jedenfalls nicht.

Sprechakte – eine kurze Gliederung
nach Grammatik der deutschen Sprache Bd. 1 (von Gisela Zifonun u.a.), 1997, S. 98 ff:

A Transfer von Wissen
fragen – aussagen
aussagen: behaupten und begründen
aussagende Textarten: erzählen, berichten, beschreiben

B Koordination von Handlungen
auffordern – zusichern
zusichern: versprechen, Vertrag schließen, ankündigen

C Ausdruck von Empfindungen
ausrufen – wünschen
[Hier fehlen die Empfindungen für andere – alle Formen des Teilnehmens!]
[In der Grammatik der dt. Sprache, 1997, sind natürlich schlauere Wörter erfunden worden; ich habe sie vereinfachend rückübersetzt.]

Sprechakte – eine Übersicht
Sprechen mit dem Ziel, sich mit anderen zu verständigen, ist eine Handlung. Der Sprecher will etwas im sozialen Zusammenhang mit dem Gesprächspartner erreichen oder verändern. Ich sehe die folgende Liste nur als einen Überblick an, nicht als vollständiges System – eher als eine Anregung, selber weitere Sprechakte zu suchen.

A] Auf den Partner bezogene Sprechakte:
1. Akte des Mitteilens:
* etwas mitteilen [im engeren Sinn]
* jemandem zustimmen
* etwas ablehnen
– eine Forderung zurückweisen
– einer Behauptung widersprechen
– eine Äußerung korrigieren
* eine Äußerung intensivieren
* eine Aussage ausweiten (verallgemeinern)
* eine Aussage einschränken
* eine Äußerung kommentieren
* eine Aussage paraphrasieren
* Kontakt zum Hörer herstellen oder überprüfen
2. Akte zum Ausgleich sozialer Spannungen:
* jemandem danken
* sich bei jemand entschuldigen
* den gerade geäußerten Dank (bzw. die Entschuldigung) aufheben
* eine Äußerung billigen
* jemandem gratulieren
* jemandem kondolieren
3. Personen festlegende Sprechakte:
a) den Sprecher festlegend:
* etwas versprechen
b) den Partner festlegend:
* jemanden zu etwas auffordern
* jemanden zu etwas autorisieren
* jemandem zu etwas raten
* jemandem etwas vorwerfen
* jemanden beschimpfen
* jemanden vor etwas warnen
* jemand etwas fragen (viele Arten)
c) Sprecher und Partner festlegend:
* jemandem etwas anbieten
* jemand mit etwas drohen
* den Kontakt zu jemand umgrenzen
– grüßen
– anreden
– vorstellen
– Adresse angeben
– Absender nennen
d) beliebige Personen festlegend:
* etwas wünschen
* etwas vorschlagen
* etwas ankündigen

B] Auf den Sprecher bezogene Sprechakte:
* Unlust oder Unmut äußern (schimpfen)
* Überraschung äußern
* resignieren
(nach Engel, Ulrich: Deutsche Grammatik. Heidelberg 1988, S. 35 ff.)

Um ein anderes Beispiel zu nennen: In der Grammatik der deutschen Sprache (von Lutz Götze und E.W.B. Hess-Lüttich, Bertelsmann, S. 540) werden allein für das Auffordern folgende Möglichkeiten, dies zu tun, aufgeführt:
fragen, bitten, drohen, feststellen, ausrufen, ironisch kommentieren, Vorwürfe machen, raten, empfehlen, sich wundern, sich etwas wünschen…
Man beachte, dass die Liste mit drei Pünktchen endet!

Vgl. http://www-user.uni-bremen.de/~schoenke/lg-edu/tlgv4.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Sprechakttheorie
http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/fileadmin/Redaktion/Institute/Germanistik/AbteilungI/Busse/Texte/Busse-UP-1991-01.pdf (umfangreicher) oder http://www.germanistik-kommprojekt.uni-oldenburg.de/sites/1/1_03_3.htm (knapp, Teil eines Programms)
http://www.glottopedia.de/index.php/Sprachliches_Handeln sowie https://norberto68.wordpress.com/2011/05/31/heringer-ohlschlager-strecker-wimmer-einfuhrung-in-die-praktische-semantik-1977/

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