Sachtexte – ihre Analyse

Sachtexte sind im Gegensatz zur Dichtung oder schönen Literatur Texte, in denen jemand etwas erklären will oder in denen er etwas einfordert (s. den Artikel über Sprechakte!). Hinter den Texten steht der Autor, der etwas tut oder tun will; er handelt, indem er dies oder das sagt.

1. In den von uns benutzten Texten versucht ein Autor meistens, einen Gedankengang zu entwerfen, statt den Leser zu beschwatzen. Mit den Problemen des geistigen Vorgehens befasst sich die Methodenlehre als Wegekunde. Die Textanalyse soll die Struktur des Gedankengangs sichtbar machen. Analyse ist Rekonstruktion sprachlich-gedanklicher Operationen von außen, nicht verstehende Reproduktion der Inhalte vom Standpunkt des Autors aus!
Man kann beim Gedankengang den Ausgangspunkt, den Weg selber („Schritte“) und das Ziel unterscheiden:
– Die Absicht, eine bestimmte Frage zu beantworten, strukturiert den ganzen Gedankengang und sollte eigens benannt werden.
– Der Ausgangspunkt sind genannte und auch unausgesprochene Voraussetzungen (Prämissen), von denen aus der Autor denkt oder argumentiert; sie müssen als solche erkannt und benannt werden.
– Die Schritte sind die vielfältigen Möglichkeiten, Appelle und Einsichten verschiedener Art miteinander zu verbinden; in der Regel wird ein Schritt grafisch in einem Absatz abgegrenzt.
– Das Ergebnis des Gedankengangs muss genannt werden.
Die Aufgaben der Analyse könnte man folgendermaßen umschreiben:
* Frage und Antwort des Autors in je einem Satz bestimmen, oder Problem und Lösung in je einem Satz benennen;
* die Einleitung abgrenzen: Wie wird der Leser zum Thema hingeführt?
* die Gedankenschritte bestimmen: die Sprechakte benennen (dabei die Absätze beachten);
* den Schluss abgrenzen: Wie wird die Kommunikation beendet?

Bei der Erörterung eines solchen Textes muss man den Stellenwert einer Äußerung im Gedankengang des Autors beachten:
* Handelt es sich um eine These oder ein Argument?
* Wird etwas als allgemein gültig geäußert oder als Beispiel?
* Trägt der Autor eine eigene Auffassung oder eine fremde vor?
* Behauptet der Autor etwas oder bestreitet er die Äußerung? Dabei: Wie fest/stark behauptet/bestreitet er sie?

2. Bei den im weiten Sinn „politischen“ Texten wird etwas eingefordert bzw. wird für ein Problem eine Lösung vorgeschlagen. Hier ist also zu klären,
– worin das Problem besteht (Ziel der Handlung oder Aktion),
– welche Lösung vorgeschlagen wird
– und mit welchen Mitteln die Lösung erreicht werden soll.
Bei der Erörterung eines Lösungvorschlags ist also zu prüfen:
* Ist das Problem richtig erkannt?
* Kann mit den vorgeschlagenen Mitteln die Lösung verwirklicht werden? Oder gibt es sachliche Bedenken?
* Sollte mit diesen Mitteln die Lösung verwirklicht werden?
Gibt es nicht andere Mittel, die genauso wirksam sind, aber
weniger Kosten (Aufwand, Zeit, Material, Leute) verursachen?
* Darf man auf diesem Weg die Lösung anstreben?
Gibt es rechtliche oder moralische Bedenken?
Gibt es Nebenwirkungen, die schwerer als der Erfolg wiegen?
* Hat der Autor alle diese Fragen bedacht?

3. Relativ gut werden alle diese Fragen bei Jürgen August Alt: Richtig argumentieren oder wie man in Diskussionen Recht behält. C.H. Beck: 2000 (3. Aufl.) behandelt. Methodisch wende ich gegen seinen Ansatz ein, dass er von Aussagen ausgeht, also von Satztypen. Ich halte es für besser, vom Autor als der sprachlich handelnden Größe auszugehen, wodurch es möglich wird, den Text als Handlung des Autors und damit als Einheit zu erfassen; letztlich frage ich ja nicht, ob alle einzelnen Sätze richtig sind, sondern ob ich der Erklärung oder der Forderung insgesamt zustimme. Die Idee der kritischen Prüfung (kristischer Rationalismus, Hans Albert) ist bei Alt in Kapitel 3 überzeichnet; sie bedeutet letztlich nur den Verzicht auf eine Letztbegründung, nicht auf eine argumentative Begründung und eine Prüfung der Argumente.
Zu beachten sind Alts Tabelle „Mittel der kritischen Prüfung“ (S. 63) und seine Ausführungen über „Fehler beim Argumentieren“ (S. 64 ff.).

Vgl. auch http://www.lernpraktiken.selbstlernarchitekturen.info/lp.php?Ziel=uebersicht (Anleitung, wie man sich Texte erarbeitet – als Idee gut, müsste noch stärker ausgeführt werden)

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