Rhythmus eines Gedichts (Beispiel Goethe: Gefunden)

Gedichte muss man nicht lesen, sondern hören, also selber laut sprechen, wenn einem kein Vorleser zur Verfügung steht. Im sich selbst hörenden Sprechen zeigt sich ein bestimmtes Verständnis, ja erprobt man ein bestimmtes Verständnis des Gedichts: Wie hört es sich an? Ist das die Lösung?

Seinen Rhythmus hat jedes Gedicht für sich allein, auch wenn es das Metrum mit vielen anderen teilt; denn unter dem Rhythmus verstehen wir jene eigenartige Mischung von tatächlich (semantisch) betonten Wörtern, von Tempo und Pausen, die das Klanggebilde Gedicht ausmachen.
Fangen wir mit dem Wichtigsten an, mit der Betonung (Akzent) und den Pausen: Ob ich Bluménto-pférde  oder Blúmentopf-érde sage (ein Scherz aus meiner Kinderzeit!), macht einen Unterschied. Die Einheit des Gedichtes ist der Vers; im Idealfall fallen semantische Einheit („Satz“) und Vers zusammen; der Satz kann aber auch kürzer oder länger als der Vers sein bzw. über das Versende hinaus reichen – den letzteren Fall nennen wir Enjambement. Zwei weitere Größen sind für die Pausen zu beachten, der Reim und die Kadenz. Durch den Reim, also den Gleichklang eines zweiten Verses (Versendes) gegenüber einem ersten, wird der Sprecher kurz zum Innehalten genötigt; das heißt, dass ein Gedicht im Paarreim tendenziell ruhiger gesprochen wird als eines im Kreuzreim oder als eines, wo jeweils nur der zweite und vierte Vers einen Reim bilden; ich zeige das an einem Beispiel, an dem ich auch die Bedeutung der weiblichen Kadenz im jambischen Takt (oder der männlichen Kadenz bei Versen im Trochäus) aufzeige:
„Ich ging / im Wal / de
So für / mich hin, /
Und nichts / zu su / chen,
Das war / mein Sinn./“ (Goethe: Gefunden)
Der erste Satz endet mit Vers 2, wird also eigentlich zügig durchgesprochen; aber die weibliche Kadenz im 1. Vers bremst den Sprechfluss; denn es wird scheinbar ein neuer Takt eingeläutet, der dritte in diesem Vers, der jedoch nicht gefüllt wird (wo also die Erwartung der nächsten betonten Silbe enttäuscht wird), sodass hinter „-de“ eine kleine Pause eintritt. Im ersten Vers wird „Wal-“ betont, im zweiten relativ am stärksten „hin“; im dritten ist „nichts“ die semantische Pointe, im vierten außerhalb des Metrums das zusammenfassende Demonstrativum „das“ (wobei auch „Sinn“ betont wird, auch als Reimwort zu „hin“). „su-“ von „suchen“ ist ebenfalls betont, aber weniger stark als „nichts“.

„Im Scha / ten sah / ich
ein Blüm / chen stehn, /
Wie Ster / ne leuch / tend,
Wie Äug / lein schön./“
In dieser Strophe ist der Satzbau anders als in der ersten: Die beiden ersten Verse bestehen aus einem Satz; dabei wird jedoch „Schat-“ betont, als der dem Wald korrespondierende Lichtbereich, auch als Bedingung des Leuchtens (V. 8). Im Vers 6 trägt „Blüm-“ den Akzent, es ist das neue Thema. Im Vers 7 streiten sich „Ster-“ und „leuch-“ um den Hauptakzent, vielleicht sind sie gleichwertig: Sterne sind der Vergleichspunkt, „leuchtend“ ist die Blümchen-Qualität. In Vers 8 kann man „Äug-“ stärker als „schön“ betonen, weil dieser Vergleich erstens überraschend kommt und weil zweitens „schön“ nicht nur trivial ist, sondern auch weil am Satzende die Stimme gesenkt wird. Hinter beiden Versen wird eine Pause gemacht: hinter Vers 7 nicht nur wegen der Kadenz, sondern auch deshalb, weil der Vergleich abgeschlossen ist; hinter Vers 8 nicht nur wegen des Reimes, sondern auch deshalb, weil der Satz zu Ende ist.
Es ist eine bloße Formsache, diese Untersuchung zu Ende zu führen; neben den rein formalen Aspekten sieht man thematische Gesichtspunkte (Wald – Schatten; nichts; Blümchen), welche teilweise die Strophen übergreifen (nichts suchen – sah ich) oder paradigmatisch [-> syntagmatisch / paradigmatisch] überraschen (Äuglein). Man kann auf jeden Fall nicht einfach ein Gedicht im ersten Lesen erfassen („Wer möchte vorlesen?“), sondern muss im Verstehen durch Probieren die (oder: eine?) stimmige Klanggestalt, den Sinn finden.
Vielleicht sollte man in einem die Semantik der Reime untersuchen; denn semantisch starke Reime binden Verse stärker als bloße Klanggleichheit aneinander. So muss man schon ein bisschen nachdenken, um die Beziehung des „für mich hin“-Gehens und des nichts „im Sinn“-Habens zu entdecken; fürs Nachdenken braucht man jedoch Zeit, die der Sprecher dem Hörer gewähren muss.

Gute Hinweise zum Verständnis von Klang und Rhythmus eines Gedichtes findet man in der Vorlesung „Praktische Stilistik“ von Prof. Buenting, dort „Laut und Normalschrift“, dort unter 4. „Gebundene Rede: Vers, Klang/Reim, Strophe“. – Vgl. auch diesen Aufsatz zur Intonation von Sätzen!

Schiller schrieb am 24. November 1797 über den Vers im Drama an Goethe:
„Ich habe noch nie so augenscheinlich mich überzeugt, als bei meinem jetzigen Geschäft, wie genau in der Poesie Stoff und Form, selbst äusere, zusammenhängen. Seitdem ich meine prosaische Sprache in eine poetisch-rhythmische verwandle, befinde ich mich unter einer ganz andern Gerichtsbarkeit als vorher; selbst viele Motive, die in der prosaischen Ausführung recht gut am Platz zu stehen schienen, kann ich jetzt nicht mehr brauchen; sie waren bloß gut für den gewöhnlichen Hausverstand, dessen Organ die Prosa zu seyn scheint; aber der Vers fodert schlechterdings Beziehungen auf die Einbildungskraft, und so mußte ich auch in mehreren meiner Motive poetischer werden. […]
Der Rhythmus leistet bei einer dramatischen Production noch dieses große und bedeutende, daß er, indem er alle Charactere und alle Situationen nach Einem Gesetz behandelt, und sie, trotz ihres innern Unterschiedes, in Einer Form ausführt, er dadurch den Dichter und seinen Leser nöthiget, von allem noch so charakteristisch verschiedenem etwas Allgemeines, rein menschliches zu verlangen. Alles soll sich in dem Geschlechtsbegriff des Poetischen vereinigen, und diesem Gesetz dient der Rhythmus sowohl zum Repraesentanten als zum Werkzeug, da er alles unter Seinem Gesetze begreift. Er bildet auf diese Weise die Atmosphaere für die poetische Schöpfung, das gröbere bleibt zurück, nur das geistige kann von diesem dünnen Elemente getragen werden.“ (2008)

Durch den Rhythmus bekommt das Gedicht einen musikalischen Chrakter, es wird leicht; die Worte beginnen zu schwingen, wie die 1. Strophe des wunderbaren Gedichts „Der Tanz“ von Christian Morgenstern zeigt:
Ein Vierviertelschwein und eine Auftakteule
trafen sich im Schatten einer Säule,
die im Geiste Ihres Schöpfers stand.
Und zum Spiel der Fiedelbogenpflanze
reichten sich die zwei zum Tanze
Fuß und Hand.

Unterschied zwischen Skansion und Rezitation: „Hier sind wir gleich bei zwei Begriffen, die wir noch schnell klären sollten: der Unterschied zwischen Skansion und Rezitation. Skansion wird im engeren Sinne eigentlich die Bestimmung eines Metrums genannt, wobei der Verstext unter besonderer Betonung der Hebungen vorgetragen, also skandiert wird. Es handelt sich dabei gerade nicht um eine Vortragsart. Das ist eben die Rezitation. Hier werden die Verse unter Berücksichtigung der semantisch-syntaktischen Struktur und der rhythmischen Gegebenheiten vorgetragen. Während es bei der Skansion darum geht, das idealtypische metrische Schema, das den Versen zugrundeliegt, zu bestimmen, ist die richtige Rezitation eine Interpretationsfrage.“ (M. Ciupke)

Unter Rhythmus versteht man „die Beziehung zwischen der Versstruktur und ihrer sprachlichen Erfüllung. Während Metrum das Schema ist, das unabhängig von jeder individuellen Füllung Gültigkeit besitzt, wird unter ‚Rhythmus‘ die Existenz jener Beziehung verstanden, und zwar so, wie sie sich im Medium des Vortrags darstellt.“ (R. Brandmeyer: Die Gedichte des jungen Goethe, 1998, S. 115; vgl. insgesamt S. 114 ff.) 05/09

Vgl. auch dieses zweite Beispiel (und viele Einzelanalysen in norberto42.wordpress.com)!

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