Passiv, Passivvarianten, Konkurrenzformen des Passivs

Passiv (vgl. Schülerduden Grammatik, 4. Aufl., Nr. 36 und Nr. 112 ff. – die 5. Auflage ist nur unwesentlich verändert; Walter Jung: Grammatik der deutschen Sprache, 10. Auflage 1990)

Wie das Passiv gebildet wird, wird als bekannt vorausgesetzt. Es geht hier nur um die Bedeutung und Leistung dieser Verbform (in der alten lateinischen Grammatiksprache: des genus verbi).
Das Passiv ist später als das Aktiv entstanden; die indogermanischen Sprachen sind in der Satzbildung ursprünglich am Modell des menschlichen Handelns orientiert: Jemand tut etwas, also:
(1) Willi fängt einen dicken Fisch.
Erst später hat man gemerkt (oder ausdrücklich sagen wollen), dass es außer Handlungen auch Vorgänge gibt, also Ereignisse, bei denen es keinen Täter gibt. Es gibt mehrere Möglichkeiten, solche Vorgänge sprachlich zu bezeichnen; eine davon ist das Passiv.
(2) Es regnet heute stark.
(3) Signale werden übertragen.
Das Passiv wird verwendet, wenn man von einem Vorgang spricht, wenn man eine Handlung als Vorgang betrachtet oder wenn man nur am Ergebnis einer Handlung oder eines Vorgangs interessiert ist.
Das Passiv wird also außer zur Bezeichnung von Vorgängen verwendet,
– wenn der Täter unbekannt ist;
– wenn es nicht wichtig ist, wer der Täter ist;
– wenn ohnehin klar ist, wer der Täter ist;
– wenn man besonders die von der Handlung Betroffenen beachtet;
– wenn man den Täter verschweigen will;
– wenn es eher um das Ergebnis einer Handlung als um den Täter geht.
Außerdem kann man mit dem Passiv ausdrücken,
– dass eine Aussage allgemein gültig ist, dass die Handlung also immer so abläuft (auch: ablaufen soll):
(4) Reis wird in kochendem Wasser zubereitet.
– oder dass zu etwas aufgefordert wird:
(5) Jetzt wird aber sofort geschlafen!

Wenn man diese Verwendung des Passivs kennt, versteht man, was der SD Grammatik z.T. „Passivvarianten“ (Nr. 117) und die Deutsche Grammatik „Konkurrenzformen des Passivs“ (Nr. 491 ff.) nennt. Das sind sprachliche Formen bestimmter Verben, die eine Passiv-Bedeutung haben, ohne dass die normale Passivform vorläge:
(6) Ich bekam ein Paket zugeschickt.
(7) Plötzlich öffnet sich die Tür.
Vielleicht sollte man auch andere sprachliche Formen beachten:
(8) Man rief nach einem Arzt.
Wir werden solche Formen gesondert untersuchen.

Passiv und Unterscheidung von Verbarten

1. Transitive – intransitive Verben:
(1) Tanja grüßte gestern den Nachbarn.
(2) Eva kümmert sich um den Igel.
(3) Thomas kauft häufig Milch und Brot ein.
(4) Arno kauft nicht gern ein.
(5) Der Igel zitterte am ganzen Leib.
Untersuche:
1. Welche der fünf Sätze kannst du ins Passiv umformen?
2. Warum kannst du die anderen Sätze nicht entsprechend umformen?

Definition: Verben, die kein Akkusativobjekt bei sich haben (können), nennt man intransitiv (vs. transitiv). „Ein transitives Verb reicht in seiner Aussage über den Subjektbereich hinaus. Es verlangt das Akkusativobjekt als den von der Handlung unmittelbar betroffenen Gegenstand oder das durch die Tätigkeit bewirkte Ergebnis.“ (DtGr 400)
Aber: Transitive Verben können auch intransitiv gebraucht werden [s.o. Satz (4)!].
Nur transitive Verben können ein persönliches Passiv bilden; das Akkusativobjekt wird in dem Fall zum grammatischen Subjekt.

(6) Die Luft enthält Sauerstoff.
(7) Das trockene Gras fing sofort Feuer.
(8) Beates Turniersieg findet Anerkennung.
Untersuche:
1. Wie lautet die Passiv-Form dieser Sätze?
(DtGr 401 spricht bei diesen Akkusativen von „Akkusativ des Inhalts“, der in der Regel nicht ins Passiv gesetzt werden könne.)
2. Wie könnte man außerdem erklären, dass eine Passiv-Form nicht gebildet werden kann? Untersuche dies für Satz (6) bis (8) gesondert!
(Lies auch SD [139 f.]; DtGr 399 ff.!)

2. Reflexive Verben (SD 141 f.; DtGr 412 ff.):
(1) Ich setze mich auf eine Bank.
(2) Die Kinder beeilten sich beim Einkaufen.
(3) Die Kinder verstecken sich (vs. den Ball) im Wald.
(4) Ihr wascht euch (vs. den Hund) sofort.
Wenn ein Verb mit einem Reflexivpronomen (= auf das Subjekt des Satzes bezogenes Pronomen) verbunden gebraucht wird, spricht man von einem reflexiven Verb. Reflexiv sind
a) manche Verben immer, so in (2);
b) manche Verben manchmal (mit Bedeutungsänderung gegenüber dem nichtreflexiven Gebrauch), so in (3);
c) manche Verben manchmal (ohne Bedeutungsänderung gegenüber dem nichtreflexiven Gebrauch), so in (4).

Aufgaben:
1. Suche jeweils fünf Verben für den Fall a) bis c),
bilde dann dazu Beispielsätze!
2. Untersuche, ob reflexive Verben ein Passiv bilden können!
3. Lies in deiner Grammatik den Abschnitt über reflexive Verben!

Passivformen und Parallelformen
nach Ulrich Engel: Deutsche Grammatik. Heidelberg 1988
Das Passiv stellt eine geschehensbezogene Sehweise dar.
A) Volles Passiv (mit richtigem Subjekt):
– werden-Passiv
* Die Hütte wird gebaut.
– sein-Passiv
* Die Hütte ist gebaut.
– bekommen-Passiv
* Sie bekommt die Urkunde ausgehändigt.
– gehören-Passiv
* Ihm gehört die Meinung gesagt.
B) Neutrales Passiv (ohne Subjekt; Prädikat in 3. Pers. Sing.)
* Hier wird nicht geraucht.
* Jetzt ist auspalavert.
C) Parallelformen zum Passiv
1) Syntaktische Parallelformen (in aktivischen Strukturen):
* Der Erfolg hat sich erst später eingestellt.
* Dieses Buch liest sich leicht.
* Die Suppe kocht.
* Du glaubst das einfach nicht.
* die laut Anweisung auszuführenden Arbeiten (Gerundiv)
2) Lexikalische Parallelformen:
a) Funktionsverbgefüge
* zum Vortrag kommen (vs. zum Vortrag bringen)
b) Aktivsätze mit dem Subjekt „man“
* Solche Hemden trägt man nicht mehr.
c) Formen mit modaler Komponente:
– es gibt, es gilt, es heißt + Infinitiv mit „zu“
* Es gibt viel zu tun.
– sich lassen + Infinitiv
* Hier läßt sich gut leben.
– sein, bleiben + Infinitiv mit „zu“
* Die Arbeit sind nach Anweisung auszuführen.
* Diese Frage bleibt noch zu diskutieren.
– stehen (mit Verben der Erwartung) + Infinitiv mit „zu“
* Es steht zu befürchten, dass die Unfälle sich häufen.
– [Alltagssprache] gehen + Infinitiv mit „zu“
* Der Verschluss geht nicht mehr zu reparieren.

Passivvarianten oder Konkurrenzformen?
Im Schülerduden Grammatik werden alle Formen des Passivs und des Passiversatzes als Passivvarianten bezeichnet. Man findet in Grammatiken aber auch die Bezeichnung „Konkurrenzformen“ für sprachliche Formen neben dem Vorgangs- und dem Zustandspassiv.
Ich schlage vor, die Begriffe folgendermaßen zu verwenden:
P a s s i v v a r i a n t e n sind alle passivischen Formen, in denen das Partizip II verwendet wird, also
– das Vorgangspassiv,
– das Zustandspassiv,
– Wendungen mit „gehören“ und „bekommen“ + Partizip II:
(1) Die Teile gehören ersetzt.
(2) Er bekommt ein Buch geschenkt.
K o n k u r r e n z f o r m e n des Passivs sind alle sprachlichen Formen, die nicht Passiv sind, aber das Gleiche oder etwas Ähnliches wie das Passiv ausdrücken,
– das unbestimmte Pronomen „man“ als Subjekt,
– die Verwendung von Verben mit Reflexivpronomen:
(3) Plötzlich öffnete sich die Tür.
– das Funktionsverbgefüge;
eine Reihe dieser Konkurrenzformen hat eine modale Bedeutung:
– von Verben abgeleitete Adjektive auf -bar und -lich:
(4) Die Straße ist nicht befahrbar.
(5) Der Griff ist schwer beweglich.
– „sein“, „bleiben“ + Infinitiv mit „zu“:
(6) Die Straße ist nicht zu befahren.
(7) Die weitere Entwicklung der Borussia bleibt abzuwarten.
– viele weitere Möglichkeiten, zum Beispiel
(8) Die Tür lässt sich leicht öffnen.

Der Begriff „Passivvariante“ kann problematisch sein.
U. Engel spricht von Parallel- statt von Konkurrenzformen des Passivs.
Ich selber empfinde auch folgende Wendung als passivisch:
(9) Das Kino bleibt weiterhin geschlossen.
Aber „bleiben“ + Partizip II wird nirgendwo als Form erwähnt. Auf der Seite der Uni Duisburg kann man lesen:

Das Passiv kann ersetzt werden durch:

– das unpersönliche Pronomen (Indefinitpronomen) man Beispiele 
– Umschreibungen mit den Verben bekommen, erhalten, (ugs. auch) kriegen + Partizip Perfekt (Partizip II),  Beispiele 
– eine Konstruktion mit sich lassen + Infinitiv als Alternative zum Passiv mit dem Modalverb können Beispiele 
– passivische Funktionsverbgefüge mit erfahren, erhalten, finden, gelangen und kommen Beispiele 
– eine Umschreibung mit gehören + Partizip Perfekt (Partizip II) anstelle des Passivs mit dem Modalverb müssen Beispiele 
– sein, bleiben, stehen, gehen, geben + zu + Infinitiv anstelle eines mit einem Modalverb umschriebenen Passivs,  Beispiele 
 reflexivische Konstruktionen mit unpersönlichem Subjekt,  Beispiele 
– durch Verbalableitungen mit den Suffixen -bar, -lich, -fähig.  Beispiele

Unter dem Stichwort „Rezipientenpassiv“ steht folgender Artikel: http://www.schule-ratgeber.de/hausarbeiten/hausarbeiten/das_rezipientenpassiv.html; das Stichwort findet man auch in der Suchmaschine.

Eine knappe Übersicht über das Passiv bietet auch http://web.uni-frankfurt.de/fb10/fuss/Downloads%20Lehre/SKRIPTPassivkonstruktionenWS2008-2009.pdf.

Über Konkurrenzformen des Passivs informiert u.a. http://www.canoo.net/services/OnlineGrammar/Wort/Verb/Genera/Konkurrenz.html; in http://www.mig-komm.eu/system/files/Konkurrenzformen%20des%20Passivs.pdf wird das Rezipientenpassiv zu den Konkurrenzformen gezählt.

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